2. Die Menschenseele, das Schicksal und der Tod vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft
Und das ist es, sehr verehrte Anwesende, was in so vielen Kreisen, man kann sagen, allgemein heute noch die herbsten Vorurteile wachruft gegen das, was Geisteswissenschaft zu sagen hat. Nicht nur, dass die allgemeinen Vorurteile vorliegen, die sich gegen jede neue Kulturströmung geltend machen, die sich geltend gemacht haben ja auch in weitesten Kreisen als die Morgenröte der neuen Naturwissenschaft aufleuchtete, sondern es liegt noch etwas ganz Besonderes vor, dass in einem viel höheren Grade die Menschheit wird umlernen müssen in Bezug auf Geisteswissenschaft, wie sie das hat müssen in Bezug auf Naturwissenschaft. Und lag der Menschheit auch noch vor wenigen Jahrhunderten ganz fern, entgegen allem Sinnenscheine annehmen zu sollen, [nicht] dass die Erde stillstehe [und] dass die Sonne nicht stillstehe; sondern [dass] die Sonne stillstehe und die Erde sich um sie bewege, so liegt es noch ferner im Grunde genommen dieser Menschenseele, nach ihrem heutigen Entwicklungsgang anzunehmen, dass das Leben des Geistes, die Ergebnisse der Geisteswissenschaft im eminentesten Sinne im Grunde widersprechen müssen alledem, was der äußere Sinnenschein darbietet, und dass schon die ganze Art des Forschens über geistige Gebiete eine andere Form annehmen muss als die äußere naturwissenschaftliche Forschung.
Cite:
GA 70a/1914-12-02/p005 · edition original