2. Die Menschenseele, das Schicksal und der Tod vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft
Dass man Vorstellungen, die zunächst nichts zu tun zu haben brauchen mit einer äußeren Wirklichkeit, dass man symbolische Vorstellungen, Ideen aufnimmt nur zu dem Zwecke, nicht um diese Ideen als solche ihrem Inhalt nachzudenken, sondern um alle inneren Kräfte der Seele, die sonst über die äußere Wirklichkeit zerstreut werden, zu konzentrieren auf einen inneren Punkt, auf den Punkt, den man mit einer Vorstellung in den Mittelpunkt des Seelenlebens gelenkt hat, darauf kommt es an. Da ist man dann ganz in sich; aber man ist nicht ruhig in sich. Da ist man innerlich tätig erlebend. Wer eine solche innere Gedankenkonzentration genügend lange - genügend lange bedeutet nicht ein paar Stunden, sondern wochen-, jahrelang, in wiederholter innerer Tätigkeit -, wer das genügend lange fortsetzt, der geht einen Weg in seiner Seele, der ihn zuletzt dazu führt, eine Wirklichkeit zu erleben. Wie man im gewöhnlichen Anschauen von der Wirklichkeit ausgeht und zum Seelenerleben fortschreitet, so geht man beim Geistesforschen von den konzentrierten inneren Erlebnissen aus und gelangt zu einer neuen geistigen Wirklichkeit. Diese neue geistige Wirklichkeit kann man nicht innerlich machen. Das, was man innerlich machen kann, ist lediglich Vorbereitung zum geistigen Anschauen. Diese geistige Wirklichkeit, die muss am Ende des Vorbereitungsweges an den Menschen herantreten. Während das Wissen also sonst als Folge erlangt wird des Hinschauens auf die äußere Wirklichkeit, wird bei der Geistesforschung die Wirklichkeit erlangt auf Grundlage des innerlich arbeitenden, des innerlich tätigen Wissens. Niemand kann das, wozu er dann kommt, irgendwie innerlich im Geiste machen. Was er im Geiste tun kann, ist, den Weg gehen, der dahin führt.
Cite:
GA 70a/1914-12-02/p010 · edition original