2. Die Menschenseele, das Schicksal und der Tod vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft
Gewiss, sehr verehrte Anwesende, die Einwände, die aus dem Zeitbewusstsein gemacht werden können gegen ein solches geisteswissenschaftliches Forschen, sind natürlich, sind, ich möchte sagen selbstverständlich; insbesondere der Einwand ist selbstverständlich, der immer wieder und wiederum erhoben werden wird, dass das, was also der Geistesforscher erlebt, ja keinen allgemeinen objektiven Wert haben könne, sondern dass das subjektive Erlebnisse seien, dass der Mensch, wenn er Erkenntnis haben will, im Grunde genommen darauf angewiesen sei, die Grenzen des Erkenntnisvermögens abzustecken und zu gestehen, dass das Übersinnliche beruhe auf subjektiven Erlebnissen. Dieser Einwand ist deshalb so sehr berechtigt, weil er wirklich gilt für den Anfang des Weges, weil wirklich der Anfang des Weges, solange diese Vorbereitung ist, innere Überwindungen, innere Kämpfe, innere Seelentragik in sich schließt, die subjektiv sind, die im Grunde genommen nur denjenigen persönlich angehen, der sie durchmacht. Aber etwas anderes ist das, wo man zuletzt ankommt, was man nicht aus seinem Inneren hervorruft, dem man begegnet, das einen hinnimmt. So wie man auf einen Berg die verschiedensten Wege hinaufgehen kann zum Gipfel, aber auf diesem zuletzt vom Gipfel aus nach allen Seiten sieht, so ist es beim Geistesforscher: Solange der Geistesforscher auf seinem Wege ist, gehen ihn gewissermaßen die Dinge nur persönlich an; dann aber, wenn er der geistigen Wirklichkeit entgegengetreten ist, dann steht er vor einem Objektiven, vor einem Realen, das übersinnlich so voll inhaltlich ist für den Geistesforscher, wie das Sinnliche voll inhaltlich für die äußere Beobachtung ist.
Cite:
GA 70a/1914-12-02/p014 · edition original