2. Die Menschenseele, das Schicksal und der Tod vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft
Wenn diese innere Meditation Früchte trägt, dann tritt in dem Gemüt des Geistesforschers etwas ganz Besonderes ein. Der Geistesforscher kann nämlich bemerken, wenn er diesen Weg durchgemacht hat des konzentrierten Denkens, durchgemacht hat das Ersterben des Denkens, das Erfühlen in höheren übersinnlichen Wesenheiten - die ihn gleichsam aufnehmen, wie wir einen Gedanken -, wenn der Geistesforscher das alles durchgemacht hat, dann erlebt er in sich oder beobachtet vielmehr in sich, dass er erlebt etwas wie einen innerlichen Protest, wie eine innerliche Opposition gegen das, was er selber also mit seinem ganzen geistesforscherischen Weg getan hat. Und dieser Protest kann so ausgedrückt werden, dass man sagt: Der Geistesforscher kommt durch sein konzentriertes Denken an einem Punkt an, wo er sich fühlt, dass er sich wie aufgelöst hat mit seinem Seelenleben. Und er sträubt sich gegen dieses Auflösen. Dieser innerliche Protest, der wiederum ein erschütterndes Erlebnis ist, er mildert sich, er hört auf, er wird überwunden, wenn jene Übung gemacht wird mit dem Ergreifen des Schicksals, wenn man in das Schicksal sich einlebt. Und kann man sagen, dass der Gedanke erstirbt im konzentrierten Denken, wenn er seine höchste Energie erreicht hat, so kann man sagen: Man nimmt wahr, indem man in den Schicksalsstrom einzieht, man nimmt wahr, wie der Wille selber, der sonst im Innern des Menschen ist, ergriffen wird vom Schicksalsstrom. Während wir sonst die Außenwelt des Schicksals sehen wie etwas uns Gegenüberstehendes und unseren Willen im Innern, so erleben wir in dem, was uns als Schicksal trifft, unseren eigenen Willen, lernen wir das in unserem Willen sehen, wodurch wir uns selber im Leben formen. Unser Wille wird auferweckt und ergießt sich über unser ganzes Schicksal nach und nach. Wenn man eine solche Übung längere Zeit durchgemacht hat, dann erlebt man das im vollsten Umfang, was das zweite Element der geistesforscherischen Entwicklung ist. Das zweite Element ist die Auferweckung des schlafenden Willens in unserem Schicksal. Wir wachen selber auf außerhalb [von] uns in dem Strome unseres Schicksals, wir gehen ein mit dem, was wir sind, in das, was wir sonst das Äußerliche nennen.
Cite:
GA 70a/1914-12-02/p027 · edition original