2. Die Menschenseele, das Schicksal und der Tod vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft
Das, was also von besten Geistern erfühlt ist, das zum Range des wissenschaftlichen Erkennens zu erheben, hat die Geisteswissenschaft zur Aufgabe. Nun kann man sagen: Gewiss, es kann in unserer Zeit noch nicht jeder solche Erlebnisse durchmachen, welche ihn zum unmittelbaren Erfassen der geistigen Welt führen, wie geschildert. Aber das ist durchaus nicht nötig. Diese inneren Erlebnisse sind notwendig, damit das, was über die geistige Welt zu sagen ist, heraufgeholt wird aus dem Abgrund, in dem es sonst versenkt ist. Zum Heraufholen sind diese Kräfte nötig; wenn aber das, was also über den Zusammenhang des menschlichen Schicksals und des Todes gesagt ist, in Ideen geformt ist, hineingebracht ist in die Sprache der menschlichen Vorstellungen, dann brauchen diese Seelenerlebnisse nicht gemacht zu werden, sondern man sieht ungefähr das, was so zutage gebracht worden ist durch den Geistesforscher, so durch die innere Fähigkeit zur Wahrheit als richtig ein, wie man einsicht die mathematischen Urteile, wenn sie durch jemand formuliert an uns herantreten. Denn das muss immer wieder und wiederum gesagt werden: Zwar ist jeder Mensch, ausnahmslos jeder Mensch dazu berufen, wenn er das in sich durchmachen will, was heute geschildert worden ist, die geistige Welt unmittelbar anzuschauen, das menschliche Wesen in seiner Ewigkeit zu erkennen, aber es braucht nicht jeder Mensch. Jeder Mensch aber kann, wenn er sich nur nicht selber Hindernisse und Vorurteile in den Weg wirft, das, was die Geistesforschung sagt, wirklich erkennen und richtig einsehen. Dem widerspricht nicht, dass heute noch die Mehrzahl der Menschen von den Ergebnissen der Geistesforschung sagt: Das ist eitel Phantasterei, der reine Blödsinn, das sind Hirngespinste von einigen Denkern, das widerspricht dem nicht. Der Mensch entscheidet nicht nach Gründen in Wirklichkeit, beweist in Wirklichkeit nicht, sondern der Mensch entscheidet nach Denkgewohnheit. Und die heutigen Denkgewohnheiten sind das Ergebnis jenes Denkens, jenes Vorstellens, das gerade den Beruf hatte, in die äußere, sinnliche Wirklichkeit einzudringen, das sich daran gewöhnte, an dieser äußeren Sinnlichkeit zu haften.
Cite:
GA 70a/1914-12-02/p041 · edition original