2. Die Menschenseele, das Schicksal und der Tod vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft

GA 70a/1914-12-02/p046 ·1914-12-02 · original (original)
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Ich habe oftmals hier darauf aufmerksam gemacht, dass Geisteswissenschaft, wenn sie richtig verstanden wird, nicht eine Feindin des Lebens ist, nicht vom Leben hinwegführt, sondern gerade dadurch, dass sie die volle Wirklichkeit ergreift, lebensfördernd ist, dass der Geistesforscher gerade dadurch, dass er auf die geistige Welt hinweist, sagen will: In diesen geistigen Quellen liegen Kräfte, die das Leben reicher machen, als es ohne diese Kräfte und ohne Hinlenkung der Gedanken an sie wäre. Die Geistesforschung führt nicht den Menschen dazu, das Leibesleben zu verachten, aber es zu durchgeistigen, den Leib zu beherrschen. Damit ist sie aber durchaus auch in der Lage, das Schiefe einer falschen Asketik anzudeuten, jener Asketik, die da glaubt in das Geistige sich hinaufzuleben durch eine von gewissen Kräften des Geistig-Seelischen ausgehende Ertötung, Erlähmung des Leibes. Gewiss, man erlangt allerlei dadurch, dass man also den Leib ertötet oder erlähmt, wie ja alles, was als Tatsache in der Welt geschieht, Konsequenz hat. Man erlangt allerlei; was erlangt man durch solche Asketik? Das wirklich geistige Erleben sucht hinaufzudringen in die geistigen Welten; falsche Asketik verarmt das Leben, indem sie nur zur Entfaltung bringt, was schon im geistig-seelischen Wesenskern vorhanden ist, weil sie nicht zu neuen Kräften hinaufsteigt, sondern durch schon vorhandene Kräfte das Leibliche ertötet und erlähmt. Was erlangt man dadurch? Dadurch erlangt man eine gewisse Verstärkung innerer Kräfte, die Möglichkeit, den seelisch-geistigen Wesenskern reicher, inhaltsvoller zu erleben. Aber man erlangt das ja im Leibe und durch den Leib, wenn man es auch erlangt dadurch, dass man den Leib ertötet und erlähmt, aber eben durch Überwindung dieser Leibeskräfte im Leibe. Dadurch aber stellt sich die Sache so, dass das, was der im gewissen Sinne falsche Asket erlangt, sich bezieht auf sein persönliches, individuelles Leben, dass er, wenn er durch die Pforte des Todes geht, dann im gewissen Sinne einen stärkeren seelisch-geistigen Wesenskern hat, dass er alle die Kräfte, die er sich angeeignet hat, dazu verwendet, um in persönlich individueller Weise immerfort hinzublicken auf das, was sein Erdenleben war. Ein verstärktes Selbstbewusstsein für seine eigene Persönlichkeit erwirbt er, gleichsam einen übersinnlichen Egoismus züchtet er durch seinen Asketismus.

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Cite: GA 70a/1914-12-02/p046 · edition original