10. Wurzeln und Blüten des deutschen Geisteslebens
Immer mehr wird die Welt einsehen, dass echte wissenschaftliche Betrachtung die Seele anzusehen hat nach den drei Offenbarungen ihres Wesens. Wie man als Physiker im Licht die Regenbogennuancen gelblich-rötlich, grün, blau-violett unterscheidet, so wird im selben echten wissenschaftlichen Sinn die Geisteswissenschaft zur Anerkennung zu bringen haben, dass die Seele sich äußert in drei Ausdrucksformen: als Empfindungsseele, insofern sie alles Triebartige, nicht aus der Helligkeit der Gedanken Kommende umfasst wie im Licht das Rötlich-Gelbliche. Im Grün offenbart sich die Verstandesseele. Wie das Blau-Violett im Licht, so ist in der Menschenseele das, was man Bewusstseinsseele nennen kann. Diese Unterscheidung ist nicht willkürlich, sondern sie entspringt einer genaueren Betrachtung dessen, was das Menschenwesen ist, was durch den edelsten Kern mit dem Menschengeiste zusammenhängt, was durch Geburt und Tod geht, das Ewige, wohinein das doch mündet, was im Unterbewussten, selbst im Traumartigen ist: der ewige Wesenskern. Die Verstandesseele steht zur äußeren Umwelt in der Mitte der Seelennuancen wie das Grün in der Mitte des Lichtes. Durch Ideen, Begriffe hängt sie zusammen mit dem Ewigen und ergießt sich auf das Äußere mit dem Zeitlichen, Vergänglichen. Im Gegenwärtigen lebt sie sich aus mit all den Eigenschaften, wodurch der Mensch fest am Boden steht, die aber zugleich das Vorübergehende sind, was sich nur zwischen Geburt und Tod offenbart. Diese Gliederung ist etwas wirklich Reales. Das Licht lebt in allen Farbennuancen, so lebt das Ich des Menschen als das eigentlich sich selbst Erfassende in allen drei Seelennuancen.
Cite:
GA 70a/1915-03-20/p005 · edition original