12. Das Wesen der Geisteswissenschaft und die Erkenntnis der übersinnlichen Welt

GA 70a/1915-04-09/p022 ·1915-04-09 · original (original)
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Es kommt nicht darauf an, dass man einen Gedanken bloß denkt, sondern dass dieser Gedanke durch keine äußere Veranlassung, sondern von innen heraus in den Mittelpunkt des Bewusstseins gerückt wird und längere Zeit in der Seele verweilt, dass man gleichsam diesen Gedanken innerlich überschaut, dass die Seele darauf gerichtet ist. Es kommt nicht darauf an, was dieser Gedanke besagt oder ob er wahr ist in Bezug auf äußere Erscheinungen, sondern darauf, dass die Seele sich innerlich konzentriert. Also auf das innere Erleben der Seele kommt es an, auf dasjenige, was sie in innerlich erkrafteter Gedankentätigkeit erlebt. Es kommt nicht darauf an, was die Seele vorstellt. Deshalb ist es besser, wenn man eine sinnbildliche Vorstellung, die nichts Äußeres abbildet, in den Mittelpunkt des Bewusstseins rückt. Darauf kommt es also an, dass man innere Kräfte, die man sonst nicht braucht, auf dieses Vorstellen verwendet. Es ist dann allerdings notwendig, dass man viel Geduld und Ausdauer hat, weil es manchmal jahrelang dauert, bis [man] gleichsam eine innere Denkgewohnheit, die man in diesem Konzentrieren entwickelt, so weit steigert, dass Verborgenes, das hinter dem Denken liegt, das gleichsam im Denken tätig ist, aber für das gewöhnliche Bewusstsein nicht erscheint, dass dieses herauftritt ins Bewusstsein. Wenn man also, und zwar oftmals jahrelang, in Geduld, Energie und Ausdauer, ich sage jetzt nicht bloß sein Denken, sondern seine inneren, dem Denken zugrunde liegenden Kräfte aus den verborgenen, tiefen Untergründen heraufholt, dann merkt man, was es heißt, nicht bloß [zu] denken, sondern im Gedanken bilden, im Gedanken erkraften sein inneres Erleben. Dieses, was dabei herauskommt, meine sehr verehrten Anwesenden, ist eine absolut neue Erfahrung des Lebens, etwas, was der Mensch nicht haben kann, wenn er nicht auf die geschilderte Weise seine Gedanken erkraftet hat. Wie gesagt, das Nähere können Sie in den angegebenen Büchern nachlesen, ich kann jetzt nur das Prinzipielle anführen.

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