12. Das Wesen der Geisteswissenschaft und die Erkenntnis der übersinnlichen Welt
Was findet man nun, wenn man also gleichsam, innerlich rein geistig-seelisch experimentiert? Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was man da findet, ich kann es mit den folgenden Worten am besten charakterisieren: Das gewöhnliche Denken, bis wohin kommt es denn eigentlich? Wenn man wirklich unbefangen dieses gewöhnliche Denken, wie es der Mensch im alltäglichen Leben entwickelt, betrachtet, muss man sich sagen: Es kommt bis zu dem, was man das Erinnern nennt, bis zur Erinnerung, bis zur Gedächtnisentfaltung. Wir haben ja darauf aufmerksam machen können, dass dasjenige, was im Denken eigentlich lebt, vor dem Leiblichen steht wie vor einem Spiegel, und dass dasjenige, was die gewöhnlichen Gedanken sind, vom Leibe zurückgespiegelt wird. Dann aber entwickelt dieses Denken, dieses Vorstellen solche Gedanken, solche Vorstellungen, solche Ideen, welche gewissermaßen, wie man so gewöhnlich meint, in dem Seelenleben sich eingraben, dort bleiben, sodass man später wiederum zurückblicken kann und, ohne dass ein äußeres Erlebnis da ist, dasjenige, was man früher erlebt hat, im eigenen Seelenleben einen Nachklang findet. Im Grunde genommen beruht alle Philosophie, alle Wissenschaft darauf, dass der Mensch Erinnerung entwickeln kann, dass er zurückblicken kann auf dasjenige, was nicht mehr vorhanden ist. Und gerade mit Bezug auf dasjenige, was man Erinnerung nennen kann, steht mit der sich wirklich recht verstehenden naturwissenschaftlichen Weltauffassung der Geistesforscher in vollem, vollem Einklang. Man darf allerdings nicht glauben - und gerade die fortschreitende Naturwissenschaft wird das beweisen, es wird sich dasjenige beweisen, was ich jetzt als ein Ergebnis der Geisteswissenschaft werde auszuführen haben -, man darf nicht glauben, dass etwas wie eine fotografische Abbildung eines Erlebnisses in der Seele bleibt, die in der Erinnerung wieder heraufgeholt wird. Man darf auch nicht glauben, dass im Nervensystem irgendetwas bleibt, was, wenn es wieder regsam wird, eine Ähnlichkeit hat mit den Erlebnissen, die man vor Jahren ‚oder auch gestern gehabt hat. Allerdings sind heute noch die Vorstellungen, die der auf naturwissenschaftlichen Boden sich stellende Mensch sich macht, gewissermaßen unzureichend. Aber es ist eben durchaus die Richtung der Naturwissenschaft dahin gehend, wo auch dasjenige liegt, was jetzt zu sagen ist.
Cite:
GA 70a/1915-04-09/p023 · edition original