12. Das Wesen der Geisteswissenschaft und die Erkenntnis der Übersinnlichen Welt
Meine sehr verehrten Anwesenden, gerade die Naturwissenschaft wird beweisen, dass dasjenige, was im Leibe bei der Erinnerung bleibt, sozusagen so aussieht, dass es dem, was wir da erinnern, nicht ähnlicher ist wie die Buchstaben, die auf einem Papier stehen. Und wir lesen ab, was wir erinnern, wie wir diese Buchstaben lesen. Gerade die Naturwissenschaft wird beweisen, dass diese Erinnerung eine Ähnlichkeit hat mit einem unterbewussten Lesen, dass dasjenige, was in der Erinnerung zurückbleibt, nichts ist als Zeichen, die erst gedeutet werden müssen von dem tieferen Seelenleben. So, wie derjenige nicht wirklich liest, der etwa beschreiben würde: Da ist ein Buchstabe, der hat einen Strich senkrecht, einen Strich aufwärts, eine Rundung, da ist ein Buchstabe, der hat die Rundung voraus, dann senkrechte Striche und so weiter — wie der nicht liest, sondern wie derjenige, der lesen gelernt hat, nicht beschreibt, was er auf dem Papier sieht, sondern durch sein Lesen-Können gewisse Vorstellungen sich bildet, die nichts zu tun haben mit dem, was auf dem Papier steht, so ist es mit dem, was als Zeichen zurückbleibt in der leiblichen Organisation, im Verhältnis zu dem, was wir dann in der wirklich erlebten Erinnerung haben. Es ist ein inneres Lesen, diese Erinnerung. Das, wie gesagt, wird die Naturwissenschaft beweisen, gerade von ihrem Gesichtspunkte aus. Immer mehr und mehr wird sie von den abenteuerlichen Vorstellungen abkommen, die sie jetzt hat. Dass die Geisteswissenschaft zu einer solchen Erkenntnis kommen kann, wie sie eben ausgesprochen wurde, werden Sie gleich ersehen, wenn über andere Arten geisteswissenschaftlicher Vorstellungen gesprochen wird.
Cite:
GA 70a/1915-04-09/p025 · edition original