12. Das Wesen der Geisteswissenschaft und die Erkenntnis der Übersinnlichen Welt
Wenn man in diesen Gedanken abstrakt sich hineinlebt, so bedeutet er allerdings nicht viel, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man aber in seinem ganzen inneren Seelenleben, mit der Ganzheit seiner Gefühle und Empfindungen, möchte man sagen, wie auf etwas ganz Substanzielles, auf ein Feststehendes, auf sich hinblickt, dann beginnt man, gewisse Gefühle, gewisse Empfindungen diesem Schicksal gegenüber zu entwickeln. Man entwickelt diesem Schicksal gegenüber vielleicht Dankbarkeit, dass es einen geformt hat zu dem, was man jetzt ist, wenn es einem auch noch so schlimme und leidvolle Schläge zugefügt hat. Man empfindet noch vieles andere. Aber alles, was man so empfindet, kann man charakterisieren durch den einen gemeinsamen Zug: Man wächst zusammen mit seinem Schicksal schon im Leben zwischen Geburt und Tod; man lernt erkennen, wie man ein Ergebnis ist dieses Schicksals, wie das Schicksal in dem, was man ist, drinnensteckt. Dadurch wächst man zusammen mit seinem ganzen Schicksalsstrom. Dasjenige, was man als Empfindung seiner Eigenheit in sich hat, das reißt man aus sich heraus und identifiziert sich in intimer Weise mit dem Schicksalsstrom. Das darf aber nicht abstrakter Gedanke bleiben, sondern ein tiefes, inneres Erlebnis muss wiederum das sein, dass die Seele sich aus dieser Leiblichkeit freimacht und sich jetzt als Ich nicht mehr bloß in ihrer Haut verspürt, sondern wirklich sich fühlt in ihrem Schicksalsstrom drinnen. Auf sein Schicksal sieht man hin und sagt sich: Das bist du selbst; du wärst nicht das, was du bist, wenn das Schicksal nicht gewesen wäre.
Cite:
GA 70a/1915-04-09/p034 · edition original