13. Die Übersinnliche Erkenntnis und Ihr Wert für die Menschenseele, Eine Geisteswissenschaftliche Betrachtung im Hinblick auf Unsere Schicksalstragende Zeit
Immer wieder muss erinnert werden an einen solchen Umschwung in der menschlichen Entwicklung, wie er erlebt worden ist zurzeit, als die neuere Naturwissenschaft Besitz ergriffen hat von der menschlichen Weltanschauung. Damals, als Kopernikus eine neue Anschauung heraufführte über das Räumliche im Universum, da war es, dass die Menschen mit all dem brechen mussten, was Jahrhunderte, ja man kann sagen Jahrtausende als dasjenige gegolten hat, was die gesunden fünf Sinne zeigen und was der gesunde Menschenverstand einsehen kann. Die Menschenseele hängt an demjenigen auch in ihrem Denken, in ihrem Vorstellen, in das sie sich eingewöhnt hat, so wie es - wenn das auch ein groteskes Beispiel ist — Menschen gibt, die, nachdem sie eine neue Wohnung genommen haben, in Gedanken, wenn sie abends nach Hause gehen, noch nach ihrer alten Wohnung gehen. Wie die Menschen in einem solchen grotesken Beispiel zeigen, wie sie hängen an ihren Denkgewohnheiten, so tun sie es auch in Bezug auf dasjenige, was die großen Weltanschauungsfragen und Weltanschauungsgesichtspunkte sind. Jahrhundertelang ist die Menschheit erzogen worden, hat sich eingewöhnt in einer Weltanschauung, die dem, was Geisteswissenschaft der Gegenwart und der Zukunft bringen will, entgegengesetzt ist. Und so müsste man sich heute mehr wundern, wenn, ich möchte sagen, auf einen ersten Anhub hin irgendjemand, der von Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie sie hier gemeint ist, noch nichts gehört hat, etwa sogleich mit irgendetwas nur einverstanden wäre als wenn sich Widerspruch über Widerspruch erhöbe bei solch erstem Bekanntwerden mit dieser Geisteswissenschaft.
Cite:
GA 70a/1915-05-06/p006 · edition original