13. Die Übersinnliche Erkenntnis und Ihr Wert für die Menschenseele, Eine Geisteswissenschaftliche Betrachtung im Hinblick auf Unsere Schicksalstragende Zeit
Man kommt sich selbst mit einer Erleichterung zu Hilfe bei dieser geisteswissenschaftlichen Methode, wenn man gar nicht einmal einen Gedanken nimmt, der dem äußeren Leben entlehnt ist. Bei einem solchen Gedanken, der etwas aus dem Gebiet des äußeren Lebens abbilder, ist man zu sehr versucht, auf diese äußere Wahrheit des Gedankens zu schauen. Aber auf diese äußere Wahrheit kommt es in diesem Falle nicht an, sondern darauf, was der Gedanke in uns bewirkt und was wir erleben, wenn wir den Gedanken als einen lebendigen Wesensinhalt in der Seele wirken lassen. Daher ist es am besten, einen sinnbildlichen Gedanken, einen Gedanken, der nichts Äußeres abbildet, innerlich gleichsam zu fixieren. Ich will sagen: Der Gedanke «Weisheit leuchtet im Licht» ist ein einfacher Gedanke; er ist ganz gewiss im Sinne einer äußeren Wissenschaft keine Wahrheit. Aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, dass ein solcher Gedanke in den Mittelpunkt des Seelenlebens gestellt wird und dass alle Kräfte der Seele, wie ich eben geschildert habe, auf diesen Gedanken durch eine gewisse Zeit hindurch gerichtet werden. Mit dem Erleben des Gedankens, bis zu dem das äußere Leben und die gewöhnliche Wissenschaft gehen, beginnt erst die Forschung auf dem geistigen Gebiete. Man nennt, wenn man mit dem Worte nicht irgendwelche im schlechten Sinne mystischen Begriffe verbindet, ein solches Leben und Weben im Gedanken, das lange, lange in Geduld und Ausdauer und innerer Energie fortgesetzt werden muss, ein Meditieren im Gedanken, ein Sich-Konzentrieren auf bestimmte Gedanken. Dies sind gewissermaßen technische Ausdrücke der geisteswissenschaftlichen Methode.
Cite:
GA 70a/1915-05-06/p014 · edition original