13. Die Übersinnliche Erkenntnis und Ihr Wert für die Menschenseele, Eine Geisteswissenschaftliche Betrachtung im Hinblick auf Unsere Schicksalstragende Zeit
Aber, sehr verehrte Anwesende, Geisteswissenschaft im wahren Sinne des Wortes steht auch nicht auf einem anderen Boden als die Naturwissenschaft, selbst nicht in Bezug auf alles dasjenige, wovon die Naturwissenschaft reden kann. Wenn wir betrachten das gewöhnliche Denken des Alltags und der gewöhnlichen Wissenschaft, wie erscheint es denn dem Geistesforscher? Ihm erscheint es durchaus so, dass dieses gewöhnliche Denken, dass dasjenige, was der Mensch aufbringt an Denken und Vorstellen im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft, im strengsten Sinne gebunden ist an das menschliche Leibesleben, im engeren Sinne an das menschliche Nervensystem. Und insofern die Naturforschung heute schon Anfänge aufweist zu einer Erkenntnis nach dieser Richtung hin, die versprechen, noch viel mehr künftig zu geben, steht der Geistesforscher völlig auf dem Boden der Naturforschung. Aber es handelt sich für die Naturforschung nur um das gewöhnliche Denken, um die noch nicht von dem Leiblichen losgelöste innere Kraft des Denkens. Von dem, was im Alltag gedacht wird, von dem, was in der gewöhnlichen Wissenschaft vorgestellt werden kann, weiß gerade der Geistesforscher. All dieses Denken des Alltagslebens ist ebenso an das Leibliche gebunden, wenn es dem Menschen zum Bewusstsein kommen soll, wie gebunden ist das Bild, das uns von uns selbst erscheinen soll, an den Spiegel, vor den wir treten.
Cite:
GA 70a/1915-05-06/p022 · edition original