13. Die Übersinnliche Erkenntnis und Ihr Wert für die Menschenseele, Eine Geisteswissenschaftliche Betrachtung im Hinblick auf Unsere Schicksalstragende Zeit
Wenn ich, sehr verehrte Anwesende - es ist nur, um etwas deutlicher zu machen -, dabei etwas Persönliches berühren darf, so sei es dieses: Wenn man von Dingen redet, die durch die äußeren Sinne erfahren werden, dann ist es so, dass man, wenn man, ich will sagen zum Beispiel einen Vortrag einmal gehalten hat, sich erinnert, wie man ihn gehalten hat, sodass, wenn man ihn zum zwölften, zum dreißigsten Male hält, man ihn ganz auf andere Weise aus seinem Innern vorbringt als das erste, zweite, dritte Mal, wo man ihn noch nicht ganz seinem Gedächtnis eingeprägt hat. Das ist, wenn man in aller Aufrichtigkeit über Dinge der Geisteswissenschaft spricht, nicht der Fall, sondern da muss jedes Mal wieder aufs Neue durch die der Seele angewöhnten inneren Gesten das heraufgeholt werden, was Inhalt der Geisteswissenschaft ist, da ist es ganz einerlei, ob man über etwas zum ersten Mal oder zum hundertsten Mal spricht, weil einem das Gedächtnis im Grunde genommen eher störend ist, als dass es einem helfen könnte. Man kann selbstverständlich dasjenige, was man gesprochen hat über den Inhalt der Geisteswissenschaft, auch aus dem Gedächtnis immer erzählen, aber der, der auf dem Boden echter Geisteswissenschaft ehrlich und aufrichtig steht, fühlt eine innere Verpflichtung dafür, in immer erneuerter Lebendigkeit darzustellen dasjenige, was er selbst erlebt. Daher muss er es immer wieder aufs Neue erleben, denn er stellt es nicht gedächtnismäßig vor, nicht durch ein Wissen, sondern durch ein Können, das er sich erworben hat.
Cite:
GA 70a/1915-05-06/p033 · edition original