1. Das Weltbild des deutschen Idealismus Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit

GA 70b/1915-11-25/p019 ·1915-11-25 · original (original)
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Und steigen wir herauf zu Europas Westvolk. Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus die französische Kultur, wir finden in ihr ausgedrückt - ich kann diese Dinge heute nur symptomatisch bezeichnen, indem ich für besondere, charakteristische Eigentümlichkeiten der entsprechenden Kulturrichtung einzelne Persönlichkeiten wie die lebendigen Symptome der Geschichtsentwicklung vor Sie hinstelle -, betrachten wir diese Kultur, so finden wir einen Mann wie Cartesius, wie Descartes, im Beginn des siebzehnten Jahrhunderts - ich möchte sagen - gerade das Ureigentümliche dieser Kultur zu einem Weltbilde formen. Und wenn wir uns auf dieses Weltbild einlassen, wenn wir uns fragen: Welche Kräfte in der menschlichen Seele sind es, die dieses Weltenbild formen, im Gegensatz zu den Kräften der Empfindungsseele, die gerade für das italienische Weltenbild angeführt worden sind? So finden wir: Es sind die Kräfte der Verstandes- oder Gemütsseele. Wie da - ich möchte sagen - durch die anderen Seelenkräfte rein hingestellte Sinnlichkeit durch das italienische Weltenbild hingestellt werden soll vor die menschliche Seele, so soll dasjenige, was der wissenschaftliche Verstand, das - wir dürfen hier den Ausdruck gebrauchen - rein rationalistische Urteilen über die Welt zu sagen hat, das soll hier ein Weltenbild bilden. Der Verstand, der eben gerade dadurch, dass er in den endlichen Menschen hineingestellt ist, so sehr auf das Endliche der menschlichen Weltauffassung gerichtet ist, dieser menschliche Verstand wird gepflegt von Cartesius: Welches sind die Quellen deiner Gewissheit? Wodurch kannst du etwas Sicheres sagen über dasjenige, was wahr ist, was wahrhaftig, wirklich ist? - Und weil er aus den Quellen des Gedankens herausschöpft, aus der Rationalität der Menschen herausschöpft, bildet Cartesius, bildet Descartes den Rationalismus heraus als - ich möchte sagen - den charakteristischen Ausdruck der französischen Volksseelenwesenheit. Dieser Verstand, er heftet sich zunächst an dasjenige an, was ihm unmittelbar vorliegt: an das menschliche Selbst selber, an die innere Persönlichkeit. Er versucht, aus dieser innerlichen Persönlichkeit heraus, aus derjenigen Kraft, die am innigsten wiederum mit dieser Persönlichkeit verknüpft ist, Lebens- und Weltengewissheit zu erlangen. «Ich denke, also bin ich!», der weltberühmte Ausspruch des Descartes. Der Mensch vergewissert sich von seinem Sein dadurch, dass er gewahr wird seinen in ihm wirkenden Verstand. Er kann nicht an seinem Verstand zweifeln. Daher kann er in seinem Verstand die Quellen der Gewissheit finden, die ihm gegeben sein können.

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Cite: GA 70b/1915-11-25/p019 · edition original