1. Das Weltbild des deutschen Idealismus Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit
Allein ein Weltenbild geht daraus hervor, sehr verehrte Anwesende, über welches eben auch die ganze Natur des Verstandes ausgegossen ist. Der Verstand hat das Eigentümliche, dass er gewissermaßen eine in sich selbst und auch auf seinen Schauplatz in der menschlichen Persönlichkeit beschlossene Wesenheit ist. Er kommt nicht über die Grenze der menschlichen Persönlichkeit hinaus. Ich möchte sagen: Descartes bleibt auch in gewissem Sinne im Denken. Er regt nicht an in sich die anderen Seelenkräfte, jene Seelenkräfte, durch die wir das ganze menschliche Wesen hineinfließen lassen können in die Natur und ihre Geheimnisse, um diese Natur zu erfühlen und zu empfinden und mit ihr selbst zu leben. Descartes bleibt im Denken, bleibt in der Ratio. Das gibt seinem ganzen Weltenbild das Gepräge. Das Gepräge, das insbesondere dadurch sich charakterisiert, sehr verehrte Anwesende, dass Cartesius, indem er nur auf die Selbstgewissheit ausgeht — auf das, was ihm das eigene Denken als gewiss verbürgt —, dazu kommt, zu glauben, die Tiere seien nur lebendige Maschinen. Sie seien nicht beseelt wie der Mensch. Das Denken, das sich in der eigenen Persönlichkeit - ich möchte sagen - festgelegt hat, findet nicht den Weg aus sich selber heraus, um unterzutauchen liebevoll in die äußere Natur. Es kommt nicht einmal bis zu der Seele für die Tierwelt. Seelenlose Maschinen, Mechanismen, bewegte Maschinen sind die Tiere. [Noch weniger dringt er zum Wesen der anderen Natur vor. Um zur Gewissheit zu kommen, entzieht sich der Realismus das Mittel, mit dem er zum Seelenhaften der ganzen übrigen Natur vordringen könnte.] Man möchte sagen: Sichern wollte diese Weltanschauung die menschliche Wahrheit; und in dieser Weise hat sie sie gesichert, dass sie verzichtet hat auf ein Sicheinleben in die Natur.
Cite:
GA 70b/1915-11-25/p020 · edition original