{"corpus":"steiner","locus":"GA 70b/1915-11-25/p029","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Nun wenden wir den Blick auf Europas Mitte. Versuchen wir auch da, diesen Seelenblick zunächst über diejenigen Erscheinungen flüchtig schweifen zu lassen, die sich uns auch darbieten innerhalb des letzten Zeitraumes der Menschheitsentwicklung. Er kündigt sich schon eigentümlich an, dieser neue Zeitraum. Da sehen wir allerdings, wie - ich möchte sagen - in trunkener Sinnlichkeit ein Weltbild der Schönheit Giordano Bruno entwirft aus einem geläuterten Sensualismus heraus. Da sehen wir aber zugleich, wie im sechzehnten Jahrhundert in das siebzehnte hinein in Frankreich Montaigne aus der Verstandes- oder Gemütsseele heraus bildet ein Weltbild des reinen Zweifels. Da sehen wir, wie gerade bei Montaigne - ich möchte sagen -, in einer anderen Art, weniger genial, weniger philosophisch wie bei Descartes, aber wie gerade bei ihm eines der bedeutsamsten Zeichen dieser Kultur zum Ausdruck kommt. Wir sehen, wie er eingeengt ist in dem allein, was der Mensch zu denken vermag, was mit seinem Denken zusammenhängt; wie er aber zu gleicher Zeit spürt, dass dieses Denken in seiner Wahrheitsgeltung ja beschränkt ist dadurch, dass es eben nur in uns wohnt. Das gibt ihm den Zweifel über die äußere Sinnenwelt. Deshalb sagt Montaigne: Ja, die äußeren Sinne liefern uns ein gewisses Bild der äußeren Welt. Braucht es aber wahr zu sein? Wir haben kein Mittel, denn wir können nur dem Verstand glauben. Aber wir haben in ihm kein Mittel, zu beweisen, dass nicht irgendetwas sich zeigt, was etwas ganz anderes ist, als was wir hinter den Sinnenerscheinungen vermuten können. Die Sinneserscheinungen können Täuschung sein. Aber auch das, was wir in der Vernunft haben, kann uns denn das die Wahrheit sagen? Wir sehen, wir wollen in unserer Vernunft etwas beweisen. Bald kommen wir aber darauf, [wie dieser Vernunftschluss] in uns Täuschung war. Jetzt müssen wir das, was wir bewiesen haben, erst recht wieder beweisen. Und das stellt sich uns sogleich hin, wie von diesem oder jenem Gesichtspunkt aus [Lücke in der Mitschrift]. Es ist aber fraglich. Wir fangen an zu fordern einen Beweis des Beweises des Beweises. Der wahre Weise, sagt Montaigne, ist einzig und allein der, der an allem zweifelt, der mit einer Seele, die den Zweifel ertragen kann, durch die Welt geht.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"1. Das Weltbild des deutschen Idealismus Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit","site_heading":null,"date":"1915-11-25","location":null,"word_count":358,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1915-11-25/p029","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1915-11-25/p029"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/70b/1915-11-25/p029","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}