1. Das Weltbild des deutschen Idealismus Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit

GA 70b/1915-11-25/p035 ·1915-11-25 · original (original)
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Das Allerfremdeste wäre der Zeit, in der Kant lebte, und der Kultur, aus der Kant hervorgegangen ist, die britische Anschauung etwa von heute, wie sie sich in dem britischen Weltbilde ausdrückt: dass die Wahrheit keinen anderen Quell haben sollte, [als die Zweckmäßigkeit, für die die äußeren Erscheinungen zusammenzufassen sind]. Denn absolut wertvoll, sodass kein Zweifel, gar nichts, was irgendwie Gewissheit ihm nehmen könnte, an es herantreten sollte, absolut sicher ist dasjenige, was wertvoll das menschliche Leben macht, trotzdem es nicht ein äußerlich Sinnlich-Wirkliches ist, das ist die Idee, das ist das Ideal. Von der Idee, von dem Ideal fühlte diese Weltanschauung, dass sie hereinragen in die menschliche Seele und der menschlichen Seele den höchsten Wert geben. Mag sie, diese menschliche Seele, aus der Natur oder irgendwo anders her noch einen so hohen Wert erlangen, den höchsten Wert erlangt die Menschenseele dadurch, dass in ihr die Ideen anwesend sein können. Und nun lebte mehr oder weniger unbewusst in Kant schon der Impuls, aus dem Wege zu schaffen alles dasjenige, was den Ideen ihre absolute, ihre unbedingte Gültigkeit, ihren höchsten Wert für das menschliche Seelenleben nicht zuerkennen wollte. Da fand er denn: Eine Wissenschaft ist heraufgebildet worden, ein Weltbild ist entstanden, das nach der Sinnenwelt hingerichtet ist. Aber der Mensch kann mit den Kräften - so sagt sich Kant -, die da aus seiner Seele kommen, dieses sinnliche Weltenbild nicht so erfassen, dass er an seine unmittelbaren Quellen — wenn ich das pedantische Wort gebrauchen darf, aber es ist von Kant selber -, [dass er an] das «Ding an Sich» kommen kann. Also suchte Kant dazu zu kommen, diese Sinnlichkeit, diese äußere Wirklichkeit, wie sie sich den menschlichen Sinnen darbietet, zur Klarheit zu bringen. Er untersucht in seiner Art das menschliche Seelenleben. Er findet: Das, was sich da als Sinnenwelt ausbreitet, das ist nicht die unmittelbare Wirklichkeit. Und die menschliche Seele vermag überhaupt nicht mit den Kräften, die sie hat, in die unmittelbare Wirklichkeit einzudringen. Einzig und allein mit denjenigen Kräften vermag sie in sich ein unmittelbar Wirkliches zu erleben, die die Kräfte der Idee, die Kräfte der Ideale sind. Und so sehen wir bei Kant das Merkwürdige, dass er eben nicht, wie man oftmals glaubt, eine Weltanschauung des Zweifels, der Haltlosigkeit, des Nichterkennens hinstellen will, sondern dass er gerade eine Weltanschauung suchte, welche allen Zweifel hinwegschafft dadurch, dass sie klarmacht: Über die Sinnlichkeit kann man nichts wissen, aber weil man nichts wissen kann, so kann man umso mehr darauf geben, dass dasjenige, was in unser Seelenleben hereinragt als Idee, als Ideal, einen unbedingten Wert hat. Die Sinnlichkeit darf uns nicht durch die Gewissheit, die sie hat, stören in dem Anschauen des absolut Wertvollen, der Idee, des Ideals. Nicht eine Weltanschauung des Zweifels stellt Kant hin, sondern eine Weltanschauung, die den Zweifel gerade aus der Welt schaffen will. Allerdings kommt er dazu, sagen zu müssen, er müsse das Wissen bekämpfen. Kant sagt es, um für den Glauben Platz zu bekommen. Er glaubt zunächst nur, dass für dasjenige, was in ideenmäßiger Weise in die Menschenseele hereinragt, eine Art Glaube sich entfalten kann; aber das gerade ist das Charakteristische, dass ihm das Ideal, die Idee so wertvoll ist, dass er selbst um seinetwillen das Wissen entthront, um diesem Ideal den richtigen Thron, die richtige Weltengeltung zu verschaffen.

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