{"corpus":"steiner","locus":"GA 70b/1915-11-25/p036","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Und nun sehen wir, wie folgen die einzelnen Helden des Weltbildes des Deutschen Idealismus. Wir sehen, wie unmittelbar ergreift der - ich möchte sagen — ureigene Nationalphilosoph der Deutschen, wie ergreift Johann Gottlieb Fichte dieses Kant’sche Weltenbild. Blicken wir zurück zu dem Rationalismus, zu dem rein verstandesmäßigen Weltbild des Descartes, das die Urform des Weltbildes der französischen Volkskultur darstellt: «Ich denke, also bin ich». In dem Denken wird etwas gesehen, worauf man als auf einen Gewissheitsquell vertrauen kann. Aber von diesem Denken muss man schließen -doch ich will mich nicht auf philosophische Spintisierereien jetzt einlassen oder muss auf irgendeinem anderen Wege als durch Schlussfolgerung darauf kommen -, dass diesem Denken ein Sein zugrunde liegt, ein erstes Sein, das man erkennen kann durch das Denken, auf das man schauen kann, weil das beweist, dass es da sein muss, weil man denkt. Es ist da, da man doch denkt, da doch das Denken aus ihm hervorgeht. Das alles ist, wenn man so recht hinschaut, auf diese merkwürdige großartige - ich möchte sagen - heldenhafte, im Weltanschauungssinne heldenhafte Seele Fichtes, das alles ist dieser Fichte-Seele so ganz und gar fremd. Eine ganz andere Anschauung über das menschliche Innere, über das tiefste Seelische schafft Fichte. Eine sogar bis heute noch im äußersten Maße schwer verständliche. Denn Fichte will nicht auf das Seelische, auf das Ich, dadurch kommen, dass er es in seinem Sein erfasst. Sondern Fichte will das Sein erfassen [in seinem Erzeugtwerden] als in einer Tathandlung, das heißt: Damit ich [mJein Ich als Ich erlebe, muss ich mich fortwährend schaffend erzeugen. In dem Augenblick, wo ich die Schöpferkräfte in mir verliere, wo ich nicht aus unbekannten Tiefen heraus mich in ein unmittelbares Dasein versetzen kann für mein Inneres, bin ich kein Ich. Damit wird der Gedanke, das «Ich denke» hinuntergetaucht in den Willen. Und die untrennbare Einheit von Wille und Gedanke wird zur Grundlage der menschlichen Ichwesenheit gemacht. Zu gleicher Zeit wird auf etwas Bezug genommen bei der Charakteristik des Ich, was in einem fortwährenden Schaffen, in einer fortwährenden Tätigkeit ist. Du bist nur bei dir, wenn du dieses Bei-dir-Sein in jedem Augenblick selber bewirkst. Insofern du dich schaffen kannst und schaffst, in jedem Augenblick deines sinnlich-physischen und verstandesmäßigen Daseins bist du ein Ich.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"1. Das Weltbild des deutschen Idealismus Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit","site_heading":null,"date":"1915-11-25","location":null,"word_count":371,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1915-11-25/p036","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1915-11-25/p036"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/70b/1915-11-25/p036","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}