1. Das Weltbild des deutschen Idealismus Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit
Hegel sucht den waltenden Weltengeist selber in der menschlichen Seele zu erleben. Er sucht in der Seele solche Gedanken, eine solche sich entwickelnde Vernunft zu haben, wie wenn der Weltengeist selber in der Seele zum Sprechen gebracht würde. Aber Hegel bleibt wiederum einseitig. Dieser Weltengeist erscheint nicht als derjenige bei ihm, [der in aller Tätigkeit einmal die Wesensart der Tätigkeit des einen Wesens mitteilt und ein anderes Mal in einer anderen Tätigkeit eine andere Wesensart offenbart.] Dieser Weltgeist erscheint bei Hegel wie der große Logiker, der die Einzelheiten der Weltenvernunft allein ausbreitet, und die Weltenvernunft wird das einzig Allseiende. Um aber dieses Einzige in seiner Charakteristik vor die Welt hinzustellen, um diese Nuance dem Weltbild des Deutschen Idealismus einzugliedern, dazu war wiederum dieser Fehler einer großen Tugend, diese Einseitigkeit notwendig, um einmal den Gedanken in seinem höchsten Grade zu erfassen: Der Mensch kann, wenn er sich in sein Inneres versenkt, von seinem Ich abkommen, dass er in seinem Ich so stark tätig ist, dass er dieses Ich selber auslöscht, damit der Weltengeist in ihm aufleuchten kann! Um diesen Gedanken mit höchster Intensität zu erfassen, musste er einmal in dieser Einseitigkeit erfasst werden. Denn auf die Kraft des Erfassens kommt es uns bei dem Suchen nach der Wahrheit zunächst an, und nicht darauf, dass er, der Weltengeist selber, wie ein bloßer Logiker aufgefasst wird.
Cite:
GA 70b/1915-11-25/p047 · edition original