4. Die ewigen Kräfte der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft
Zweierlei sind nun die Betätigungen des Seelenlebens in unserem gewöhnlichen Leben: Die eine Art ist diejenige, die sich mehr nach dem Vorstellungsgemäßen und Empfindungsgemäßen, nach dem vorstellenden und fühlenden Wesen des Menschen hin zeigt; und die andere ist diejenige, die sich mehr nach der Willensnatur des Menschen hin zeigt. Das Fühlen steht ja zwischen drinnen zwischen dem Denken und Wollen. Wir werden heute versuchen zu betrachten, wie entwickelt werden kann auf der einen Seite das vorstellende Wesen des Menschen, auf der anderen das wollende, damit der Mensch durch diese Entwicklung zu einer Wissenschaft kommen kann von den ewigen Kräften der Menschenseele. Die eine Grundkraft, die zunächst in ihrer äußeren Form im gewöhnlichen Seelenleben auftritt, ist das Denken. So, wie das Denken in diesem gewöhnlichen Seelenleben sich offenbart, so führt es nur zu einer Art Überschau über das, was uns eben durch die Sinne gegeben ist. Geisteswissenschaft sucht nun —- und dadurch handelt sie ganz im Sinne der wirklichen naturwissenschaftlichen Weltanschauung -, Geisteswissenschaft sucht nun, gerade wie Naturwissenschaft durch das äußere Experiment der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen versucht, durch intime seelische Experimente den Weg zu finden in diejenigen Sphären, wo das Seelenleben seine Geheimnisse zu enthüllen vermag. Das gewöhnliche Denken, so wie es im Alltag auftritt, reicht dazu nicht hin; aber dieses Denken ist einer Entwicklung fähig, ist einer Erkraftung fähig - und auch auf diese innere Erkraftung des Denkens ist hier schon öfter hingewiesen worden. Man bezeichnet mit dem - ich möchte sagen - technischen Ausdruck das, was da die Seele zu tun hat, als «Meditieren» oder «Meditation» und meint damit innerlich hervorgerufene besonders starke Denkvorgänge, die im gewöhnlichen Leben nicht in dieser also gesuchten Art ablaufen, sondern anders. In dem gewöhnlichen Leben verwenden wir das Denken dazu, um uns durch die Gedanken Bilder zu machen von unserer sinnlichen Umgebung und dem, was innerhalb des menschlichen Lebens als von außen wahrnehmbar abläuft, was wir hereinnehmen können als Vorstellen. Das ist für das gewöhnliche Leben wichtig. Nun entdeckt die Geisteswissenschaft, indem sie innerlich intim Umschau hält im Seelenleben, indem sie es sich zur Aufgabe macht das Seelenleben so zu verfolgen, wie der Naturforscher die Natur im Experiment, man findet, dass dieses Denken noch eine ganz andere Seite hat. Verständlich machen kann ich mich vielleicht über diese andere Seite des denkerischen Lebens des Menschen dadurch, dass ich vergleichsweise sage: Wenn der Mensch mit der Hand arbeitet, dann verrichtet er dieses oder jenes; das Ergebnis der Arbeit der Hand ist dann da, ist äußerlich zu sehen. Wenn der Mensch fortwährend mit seiner Hand arbeitet, so verrichtet er nicht nur dieses, was äußerlich abläuft, sondern wir wissen es: Wenn er so arbeitet, verändert er die innere Erkräftigung der Hand selber; die Hand wird stärker und geschicklicher, wird in eine gewisse Richtung ihrer Betätigung gebracht. Es wird an der Hand selber etwas geleistet. Das läuft - ich möchte sagen — in die Betätigung desjenigen, was da äußerlich sichtbar ist, nebenher: eine Vervollkommnung der Hantierung neben den Ergebnissen, die durch die Arbeit erreicht werden! So auch ist es mit dem menschlichen Denken. Das menschliche Denken, indem es verläuft, macht Gedanken über das, was in der Umgebung oder sonst im Weltenverlauf ist. Diese Gedanken sind zunächst die Hauptsache, so wie für die Handarbeit die äußeren Ergebnisse; aber indem es ausgeführt wird, erkraftet es sich im Innern, ist es etwas, was in sich eine gewisse Entwicklung durchmacht. Gewiss, bei der Hand sehen wir auf die Entwicklung; aber auf jene intime innere Entwicklung, welche das Denken erlebt in dem Denken, auf diese wird in Wirklichkeit nicht gesehen.
Cite:
GA 70b/1915-11-29/p012 · edition original