4. Die ewigen Kräfte der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft
Dann kommt aber der Moment im menschlichen Seelenleben, der zeigt, dass das Denken auf diese Weise die Seele gewissermaßen über sich selbst hinausführen könne, und es liegt daran, dass das, was heute noch oftmals einzig und allein als berechtigte philosophische Weltanschauung aufgefasst wird, durchaus zumeist nicht mitkann, wenn von den eben charakterisierten Wegen des Seelenlebens gesprochen wird und dass kritisiert wird dasjenige, was Geisteswissenschaft will und vermag, von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus, als der ist, der eben nur gewonnen werden kann, wenn man das angedeutete innere Experiment macht. Macht man es, dann kommt man - weil Geisteswissenschaft eben voraussetzt gewisse Vorgänge in der menschlichen Seele, die nun wirklich in die Tiefen des Seelenlebens hinunterführen und zu den Höhen hinauf -, man kommt in gewisser Weise zu innerlich erschütternden Erlebnissen des Seelenlebens. Diese Erlebnisse, zu denen man kommt, ergeben sich als notwendige Begleiterscheinungen, sind gewissermaßen auch Merkzeichen dafür, Marksteine, dass man einen gewissen Punkt auf dem Wege erreicht hat, sind aber nicht das, worauf es eigentlich ankommt. Worauf es ankommt, ist das, dass das also innerlich erkraftete Denken über sich selbst hinausführt. Und der Punkt, der dahinführt, wird seit langen Zeiten immer schon mit einem Worte bezeichnet, das allerdings nur ganz vollständig diejenigen verstehen, die wenigstens sich durch solche inneren geistigen Versuche eine Ahnung von den Wegen der menschlichen Seele erworben haben. Geisteswissenschaft, so wie sie hier gemeint ist, hat ja nur eine Geltung, hat nur die Möglichkeit des Entstehens innerhalb unserer jetzigen Menschheitskultur. So wie die äußere Wissenschaft fortgeschritten ist, gleichsam aus dem Dämmerdunkel des Nichtwissens heraufgeholt hat das, was heute der Umfang unseres Naturwissens ist, wie dieses Naturwissen früher nicht da war, so ist es auch mit dem, was der Mensch aus den Tiefen der Seele als Geisteswissenschaft hervorholen kann. Aber zu allen Zeiten hat man — wenn das auch auf anderen Wegen hat geschehen müssen als in der Gegenwart und Zukunft -, zu allen Zeiten hat man die Wege der Geistesforschung gesucht, und man hat das, was eben in der angegebenen Weise nur charakterisiert werden kann, wozu die Menschenseele kommt, wenn sie an dem Punkt steht, aus dem zeitlichen Verlauf des Seelenlebens zu dessen ewigen Kräften zu kommen, man hat das bezeichnet mit dem Worte: Der Mensch tritt an die Pforte des Todes heran. - Und dieses Wort, es hat eine gewisse tiefe Berechtigung. Denn eine innere Seelenverfassung, eine innere Seelenstimmung tritt ein in einem gewissen Zeitpunkte der Seelenentwicklung.
Cite:
GA 70b/1915-11-29/p017 · edition original