4. Die ewigen Kräfte der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft
Und nun - ich sagte: Man lernt nur erkennen, das, was man da findet, indem man es geistig anschaut. Da lernt man von ihm auch erkennen, dass das, was da durch das verdichtete - immer sind die Dinge geistig gemeint — Denken als ein zweiter Mensch im Menschen sich geltend macht, dass dieses in der Tat nicht zusammenhängt mit dem, was durch unsere Geburt, was durch die Vererbungskräfte in uns ist, sondern dass es aus der geistigen Welt an diesen physischen Leib herantritt. Durch die Art und Weise, wie es sich zum physischen Leib verhält, wie es ihn ergreift, wenn man das anschaut, so weiß man, dass der physische Leib diese Kräfte nicht aus sich selber hervorbringt, und man kann sie verfolgen, diese Kräfte, bis hinein in die geistige Welt, und man lernt nun in unmittelbarer geistiger Anschauung kennen die geistige Tatsache, dass der Mensch aus einer geistigen Welt, in der sein Wesen vor der Geburt oder — sagen wir - Empfängnis war, heruntersteigt und dass sich mit dem, was die Vererbungskräfte dem Menschen geben können, vereinigt ein geistiges Wesen. Ich möchte sagen: Wie sich das Männliche und Weibliche vereinigen, so vereinigt sich mit diesem ein Drittes, das aus der geistigen Welt kommt, und das sich, indem es sich dem Leibe einverleibt, verwandelt so, dass es den Leib ergreift, ihn durchorganisiert. Und indem es sich so betätigt, dass es diesen Leib aufbraucht, erscheint in der Umwandlung dessen, was geistig ist, das zeitliche Denken, wie es abläuft zwischen Geburt und Tod. Äußere Erkenntnisse, die aus der physischen Welt kommen, lassen uns verhältnismäßig gleichgültig in Bezug auf die innerste Empfindung unseres Seelenlebens; die geistige Erkenntnis, die uns also heranbringt an die Quellen des Seelenlebens, die kann nicht abgehen, ohne dass eine innere Tragik die Seele ergreift. Man kommt wirklich mit dem in Berührung, was lebendig war im Geistigen, was aber Todeskraft werden musste, indem der Mensch dem Physischen nach lebendig [wird]. Man lernt erkennen, dass das, was sich im physischen Menschen nach und nach entwickelt von der Kindheit bis in die Reife hinein, dass das die Umwandlung ist von Kräften, und dass diese Kräfte sich dem gewöhnlichen Blicke verbergen müssen gerade deswegen, weil sie sich eben umgewandelt haben aus dem Geistigen in das - wir können es geradezu nennen - physische Denken. Aber wir sehen herauskommen das, was im Menschen leibt und lebt innerhalb des physischen Leibes, wir sehen es herauskommen aus seiner geistigen Grundlage, und da sehen wir es tot werden, nachdem es geistig lebendig war, damit der Mensch physisch lebendig werden und sich entwickeln kann. Das geistig Lebendige, das den Menschen ausmacht vor der Geburt, verwandelte sich in ein physisch Ertötendes, damit das Physische in lebendiger Entwicklung zwischen Geburt und Tod bestehen könne.
Cite:
GA 70b/1915-11-29/p022 · edition original