5. Wege der Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele
Wie gesagt, Geisteswissenschaft will in keinem Punkte im Widerspruch sein zu der Naturwissenschaft, wenn sie richtig verstanden wird. Allein der Naturforscher, der noch nicht zum richtigen Verständnis der Geisteswissenschaft, namentlich ihrer Welt emporgedrungen ist, der wird nun mit Recht, mit vollem Recht - ich betone es ausdrücklich - einwenden: Ja, Du Geistesforscher, was gibst Du Dich für Illusionen hin? Du glaubst, Du hast durch Deine Konzentration, durch Deine Meditation Dein Denken in einer gewissem Weise entwickelt, dass es etwas ganz Neues wahrnehmen kann. Du weißt ja eben nicht, wie viel Unbewusstes, wie viel Dunkles im Seelenleben des Menschen vorhanden ist. Das nimmst Du alles mit auf Deinem Gedankenweg. Denke nur einmal nach, wie es der Naturforscher weiß oder wissen kann, wie durch die besonderen Dispositionen des Nervensystems, wie durch alles dasjenige, was durch unsere Vererbungsverhältnisse unserem Nervensystem wie angeboren ist, wie durch das der Mensch ganz bestimmte Dispositionen, von denen er nichts weiß, Gedankenrichtungen, Gedankenneigungen in sich trägt, wie er diese mitschleppt. Ist es denn da nicht ganz. selbstverständlich, dass man, wenn man also sein Denken gleichsam dressiert, man könnte auch sagen: malträtiert, dass man dann etwas scheinbar Neues zwar wahrnimmt, aber in Wahrheit wirklich nur etwas, was im unbewussten, unterbewussten Seelenleben längst gewartet hat, und nur deshalb als etwas Neues ausschaut, weil es früher nicht zum Bewusstsein gekommen ist, früher nicht die Schwelle des Bewusstseins überschritten hat? - Und der Geistesforscher muss ausdrücklich solche sachlichen Einwände des Naturforschers als berechtigt anerkennen. Und sie sind sogar sachlich berechtigt; denn diejenigen Menschen, die auf leichte Art, ohne die sorgfältige Art desjenigen, was zum Beispiel als die geisteswissenschaftliche Meditationsmethode in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ausgeführt ist, die ohne die sorgfältige Beobachtung dieser Methode leicht in die geistige Welt eintreten wollen, die kommen sehr leicht dazu, zu glauben: Sie sehen etwas ganz Neues. Sie erzählen dann von allen möglichen Dingen, aber sie haben nichts vor sich als ihre Illusionen, als dasjenige, was sie aus ihrer eigenen Seele herausgebären, aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht wissen, dass sie das schon früher in den Seelen gehabt haben, und es nur jetzt, durch ihre Anstrengungen herausstellen.
Cite:
GA 70b/1916-01-08/p049 · edition original