5. Wege der Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele
Schon das ist gewiss etwas, was heute noch namentlich den Denkgewohnheiten vieler Forscher widerspricht; aber auch das wird etwas sein, was sich im Laufe der Zeit in die Menschengemüter einleben wird. Und nachdem ich dies auseinandergesetzt habe, sehr verehrte Anwesende, wie sich das Bewusstsein desjenigen stärkt, der Geisteswissenschaft in ihrem Wesen wirklich versteht - versteht, wie sie heraufkommen muss in unserer Zeit in der geistigen Entwicklung der Menschheit, so wie einstmals in der kopernikanischen Zeit die neuere naturwissenschaftliche Weltanschauung heraufgekommen ist -, da denkt sich dann der Geistesforscher, wenn er dies Bewusstsein erlangt hat, das aus der Natur der Geisteswissenschaft sich ihm ergibt: Ja, man kann Gegner sein der Wahrheit es ist verständlich; man kann zum Beispiel die Wahrheit missverstehen, ganz missverstehen, wenn sie den alten Denkgewohnheiten widerspricht. Aber denjenigen, die missverstehen, die misskennen die Wahrheit, werden immer nachfolgen andere, die sie erkennen können! Denn die Wahrheit ist etwas innerlich Lebendiges. Und sie lässt sich wohl verkennen, aber sie weiß immer zu ihrer Erkenntnis selber durch eine innere Kraft und Intensität die Wege zu finden! Man kann die Wahrheit auch hassen, sehr verehrte Anwesende. Aber derjenige, der die Wahrheit hasst, der wird erfahren, dass die Wahrheit eine solche Lebenskraft hat, dass der Hass dennoch zuletzt auf ihn selber zurückfällt. Und gegenüber dem Hass steht die Wahrheit; und derjenige, der in ihr zu leben versteht, ja, indem der Eigenwert der Wahrheit erkannt wird, der weiß: Man kann die Wahrheit auch schmähen; aber noch mehr als bei dem Hass ist es der Fall, dass die Schmähworte gegenüber der Wahrheit auf den Schmähenden selbst zurückfallen.
Cite:
GA 70b/1916-01-08/p097 · edition original