8. Die Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und die Missverständnisse über die erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach

GA 70b/1916-01-14/p007 ·1916-01-14 · original (original)
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Das war es ungefähr, was ich in dem Vortrage vorgestern ausführte. Es ist ja selbstverständlich, dass die Geltendmachung solcher Erkenntnisse in unserer Gegenwart noch - man möchte sagen - von allen Seiten Widerspruch erfahren muss. Denn dasjenige, was damit gesagt wird, das widerspricht den Denkgewohnheiten, die heute durchaus - und man darf sogar sagen, wenn man die Geschichte der letzten Jahrhunderte überblickt, in ganz begreiflicher Weise - den weit, weitaus größten Teil der Menschen beherrschen müssen. Insbesondere erhebt sich zunächst ein völliger Widerspruch von naturwissenschaftlicher Seite her. Nun steht der Geistesforscher zu diesem Widerspruch, zu dieser Gegnerschaft von naturwissenschaftlicher Seite her keineswegs so, dass er nur der menschlichen Beschränktheit oder einer ganz vertrockneten Logik zuschreiben würde, dass solcher Widerspruch, solche Gegnerschaft vorhanden ist, sondern er begreift es gerade ganz gut, dass solche Gegnerschaft möglich ist. Es kann der Geistesforscher gerade dadurch, dass er von einem geistigen Gesichtspunkte aus die Welt anschaut, er kann sich voll hineinversetzen in jede Art von Widerspruch, der insbesondere von naturwissenschaftlicher Seite erhoben wird. Und vor allen Dingen sollte nicht die Meinung gehegt werden, dass der Geistesforscher ein Verächter der naturwissenschaftlichen Anschauung sei. Im Gegenteil - und das habe ich ja bei früheren Vorträgen hier schon immer wieder und wiederum hervorgehoben -, im Gegenteil der Geistesforscher erkennt gerade die großen, die gewaltigen Errungenschaften für alle menschliche Arbeit und für alles menschliche Erkennen an, welche die Naturwissenschaft im Laufe der letzten Jahrhunderte seit der Morgenröte der neueren Zeiten der menschlichen Entwicklung einverleibt hat. Ja, der Geistesforscher betrachtet sogar sein Verhältnis zur Naturwissenschaft in folgender Art. Abstrakt gesprochen - es könnte ja im Einzelnen hier dargelegt werden, allein das ist wohl heute nicht nötig — abstrakt gesprochen, sage ich, erkennt man, dass in einer gewissen Zeit dasjenige, was man heute naturwissenschaftliche Erkenntnis der äußeren materiellen Welt nennt, auftreten musste. Derjenige, der sich einlässt auf dasjenige, was vorangegangen ist der Naturwissenschaft, die sich an die großen Namen Kopernikus, Galilei, Kepler und so weiter anknüpft, der weiß, wie verschieden dasjenige war, was vor der Zeit, die sich an diese Namen anknüpft, Naturwissenschaft genannt wurde, von dem, was wir jetzt naturwissenschaftliche Betrachtungsweise der Welt nennen. Diese naturwissenschaftliche Betrachtungsweise, sie hat nun wirklich im Laufe von drei bis vier Jahrhunderten der Menschheit einen Erkenntnisschatz erarbeitet, welcher tief, tief eingriff in das ganze Leben. Und leicht kann man einsehen, wenn man nur ein bisschen verständig dieses Leben, wie es sich entwickelt hat in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, überblickt, welche Bedeutung für die ideelle und materielle Seite des Lebens die naturwissenschaftlichen Errungenschaften haben.

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