8. Die Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und die Missverständnisse über die erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach
So sagt der Geistesforscher nun nicht unmittelbar. Der Geistesforscher ist sich vielmehr vollständig klar darüber, dass Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete heutzutage zwar noch nicht jedes ihrer Rätsel ergründet hat, dass viel, viel noch zu geschehen hat, bevor die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise ihr Ideal erreicht hat; aber der Geistesforscher ist sich zu gleicher Zeit klar darüber, dass die naturwissenschaftlichen Methoden als solche sich heute schon, wenigstens bis zu einer gewissen wissenschaftlichen Gesinnung, so ausgebildet haben, dass die Naturwissenschaft selber über dasjenige, was aus der Natur folgen kann, Auskunft gegeben hat, und dass ein Weiteres, der Naturwissenschaft hinterher nachfolgendes Nachdenken mit denselben Denkermitteln, die die Naturwissenschaft auch anwendet, zu nichts mehr führen könne. Naturwissenschaft ist gewissermaßen etwas, was so veranlagt ist, dass es, indem es sich entwickelt, zu einer Ganzheit führt, nicht zu etwas, was genommen werden könnte und worüber man sich erst philosophisch ergehen könnte. Nicht also, indem man die Resultate der Naturwissenschaft nimmt, sie kombiniert, über sie spekuliert, will Geistesforschung vorgehen, sondern Geistesforschung steht in einem anderen Verhältnisse zur Naturwissenschaft. Geistesforschung sagt sich: Dadurch, dass der Übergang gemacht worden ist, sagen wir, durch Kopernikus, durch Kepler, durch Galilei mit einer besonderen Art der Naturbetrachtung, dadurch sind auch die Seelenkräfte in ein besonderes Verhältnis zu dem Naturgeschehen getreten. In einer ganz anderen Weise musste sich der Menschengeist zu der Natur verhalten unter dem Einflusse dieser neueren Naturwissenschaft, als er sich früher verhalten hat. Dadurch sind ganz andere Denkmethoden entstanden. Es ist eine ganz andere Art des Verhaltens zur Natur entstanden. Man dachte über die Natur, und man fühlte im Grunde genommen auch über die Natur anders in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, als man vorher gedacht und gefühlt hat. Und indem die Menschheit eine gewisse Zeit gewissermaßen die Seelenkräfte in einer anderen Art auf die Natur hingeordnet hat, hat sie dadurch diese Seelenkräfte innerlich geübt. Die Seelenkräfte selber haben dadurch eine andere innere Verrichtung vollzogen, als sie früher vollzogen haben.
Cite:
GA 70b/1916-01-14/p009 · edition original