8. Die Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und die Missverständnisse über die erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach
Ich betone ausdrücklich, sehr verehrte Anwesende, dass es eine durchaus mögliche Ansicht ist vom Standpunkte desjenigen, der gerade feststeht auf naturwissenschaftlichem Boden, wenn er nicht genau die geisteswissenschaftlichen Methoden kennt. Eine durchaus mögliche Ansicht ist es, die sich so ausspricht, und insbesondere ist es eine mögliche Ansicht, wenn man dann vom naturwissenschaftlichen Standpunkte auf die Art und Weise der Seelenkräfte hinsieht, die viele aufweisen, die sich nun auch Geistesforscher nennen und die das Gegenteil von dem [besitzen], was man allerdings als ein gesundes Seelenleben bezeichnen kann. Nun weist uns ja auch der Naturforscher immer wieder und wiederum auf etwas hin, was - ich möchte sagen - zwar trivial ist, was aber deshalb nicht minder im Grunde genommen vom Standpunkte der naturwissenschaftlichen Denkungsweise aus schlagend ist; schlagend ist, wenn man widerlegen will das Hinschauen auf besondere, voll leibfreie, durch Geburten und Tode gehende Kräfte und Erlebnisse der Seele. Da sagt der Naturforscher gerade auf Grundlage nicht von bloßen Vorurteilen, sondern auf Grundlage sorgfältiger Feststellungen der physiologischen Wissenschaft, da sagt der Naturforscher: Man sieht doch, wie sich langsam das körperliche Leben entwickelt von der Kindheit an, und wie mit der körperlichen Entwicklung parallel geht die Entwicklung des Seelenlebens. Wirklich sieht man da, wie eng gebunden das Seelenleben an das leibliche Leben ist. Man sieht dann, wie der Leib eine gewisse Gestaltungsreife in einem gewissen Alter angenommen haben muss, damit auch das Seelenleben etwas werde, das man als ein gewisses Normales bezeichnet. Und wiederum sieht man, wie mit dem Verfall der physischen Kräfte im Alter, mit dem Ableben der Organe das geistig-seelische Leben zurückgeht. Und immer wiederum sind im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts Einwendungen gegen ein selbstständiges geistig-seelisches Leben aufgetreten, die - ich möchte sagen - auf diesem Boden standen.
Cite:
GA 70b/1916-01-14/p015 · edition original