8. Die Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und die Missverständnisse über die erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach

GA 70b/1916-01-14/p016 ·1916-01-14 · original (original)
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Nun steht der Geistesforscher auf diesem Gebiete durchaus nicht dem Naturforscher etwa ablehnend gegenüber, sondern im Gegenteil, in Bezug auf das Positive, das der Naturforscher sagt, gibt ihm der Geistesforscher vollständig recht. Der Geistesforscher sagt: Ja, wenn man hinsieht auf dasjenige Denken, Fühlen und Wollen, welches im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft zunächst als bekannt angesehen wird, so ist das, was die Physiologie einzuwenden hat, voll berechtigt; denn dieses Denken, Fühlen und Wollen ist eng gebunden in dieser Form an die physische Leibesorganisation. Aber der eigentliche Geistesforscher steht eben nicht auf dem Boden, dass man zum Beispiel durch eine bloße Betrachtung des gewöhnlichen Denkens, Fühlens und Wollens - wie es im Alltagsleben und in der gewöhnlichen Wissenschaft sich darlebt -, dass man dadurch auf das Unsterbliche der Menschenseele wissenschaftlich kommen könne. Sondern der wirkliche Geistesforscher sagt zum Naturforscher: Du hast vollständig recht, wenn du behauptest, die Formen des Denkens, Fühlens und Wollens, die im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft sich offenbaren, die sind an die physisch-leibliche Organisation gebunden, die sind so gebunden an die physisch-leibliche Organisation, dass sie ohne diese physisch-leibliche Organisation überhaupt nicht gedacht werden konnten und sollten. Aber gerade durch die geistesforscherische Methode zeigt sich, dass in diesem Denken, Fühlen und Wollen etwas darinnen steckt: jenes Denken, von dem ich vorgestern gesprochen habe, oder vielmehr jene Denktätigkeit und jenes Wesen, das in der Willensströmung enthalten ist, dass die drinnen sind, so drinnen sind, dass sie von dem Bewusstsein der gewöhnlichen Wissenschaft und des gewöhnlichen Lebens gar nicht erfasst werden, und dass die es sind, welche unserem jetzigen Erdenleben vorangegangen sind in der geistigen Welt, und unserem Tode folgen werden wiederum in der geistigen Welt. Was das Ewige in der Menschenseele ist, dasjenige muss erst gesucht werden. Und es kann nicht gesucht werden, wenn man stehen bleibt bei dem gewöhnlichen Denken, Fühlen und Wollen. So sagt der Geistesforscher. Wenn es heute selbst noch irgendwelche philosophische Weltanschauungen geben könnte, die da glauben, sie könnten der Naturwissenschaft widersprechen, wenn sie auf das gewöhnliche Denken, Fühlen und Wollen hinschauen und gedanklich allerlei ableiten aus diesem Denken, Fühlen und Wollen - sie könnten ihr widersprechen, der Naturwissenschaft, indem sie sagen: Man sehe in diesem Denken, Fühlen und Wollen durch die gewöhnliche wissenschaftliche Methode doch etwas, was über den Tod hinausdringt - wenn solche Philosophen so sprechen, so sagt der Geistesforscher: Nein, diese Urteile werden immer mehr und mehr aus der Welt verschwinden. Vielmehr wird mit dem, was hier angedeutet ist, der Naturforscher sogar immer mehr und mehr recht bekommen. Und deshalb steht eigentlich in völliger Harmonie Geistesforschung mit den berechtigten Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Denkungsweise auf diesem Gebiete.

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