8. Die Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und die Missverständnisse über die erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach
Diesen Unterschied aber, man eignet sich ihn durch Unterscheidung an. Und eben, weil man kennenlernt diesen Unterschied, so muss man für alles dasjenige, was nicht auf dem richtigen Wege der Entwicklung des Denkens aus der geistigen Welt heraus erforscht wird, dem Naturforscher im Grunde genommen recht geben. Sehr verehrte Anwesende, es gibt einen guten Unterschied zwischen demjenigen, was als krankhafte, als abnorme Bewusstseinsoffenbarung angesehen werden kann, und dem, was der wahre Geistesforscher erreicht, um in die geistige Welt hineinzukommen. Und dies muss scharf betont werden, weil die richtige Methode der Geistesforschung, wie Sie sie angedeutet finden in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft», weil diese richtige Methode der Geistesforschung in der Tat dazu führt, dass sie sich nicht wie eine Veränderung bloß des gewöhnlichen Seelenlebens darstellt, sondern sie führt dazu, dass das neue Seelenleben, das man jetzt mit den veränderten Seelenkräften erreicht, dass dieses neue Seelenleben sich neben das frühere Seelenleben so hinstellt, dass beide von dem vollen Bewusstsein des Menschen umspannt, überschaut werden. Ja, man kann sogar sagen: Es ist ein unrichtiges Bewusstsein erreicht in der Geistesforschung, wenn sich das gewöhnliche Bewusstsein nur verändert, wenn es gewissermaßen anders wird. Das Richtige ist erreicht, wenn dieses gewöhnliche Bewusstsein im Menschen so dastehen bleibt, dass er die gewöhnliche Logik, die er vorher entwickelt hat, jetzt auch entwickelt, dass er ebenso vernünftig ist wie früher, dass er dieselben Willensimpulse weiterentwickelt und überschaut, wie er eigentlich ist als einfacher, gerader, vernünftiger Mensch im gewöhnlichen Leben; und darüber hinaus - aber daneben - dasjenige Bewusstsein hat, durch das er in die geistige Welt hineinschauen kann. Vergleichen Sie das, was da durch die richtigen Methoden der Geistesforschung erreicht wird, mit dem, was sich als krankhaftes Seelenleben ergibt, so werden Sie sich sagen können: Beim krankhaften Seelenleben zeigt sich überall, dass der abnorme Bewusstseinszustand anstelle des normalen tritt, sich aus dem normalen herausbildet. Sie können sich nicht denken, dass ein etwas närrisch gewordener Mensch gleichzeitig, indem er närrisch ist, seinen normalen Menschheitszustand überschaut und auch übt. Man kann nicht zu gleicher Zeit wahnsinnig sein und zu gleicher Zeit vernünftig sein. Das ist das Wesentliche des krankhaft veränderten Bewusstseins: Es entwickelt sich das krankhaft veränderte Bewusstsein aus dem gewöhnlichen normalen Zustand heraus, und wenn das krankhaft veränderte Bewusstsein da ist, so muss das normale Bewusstsein weggegangen sein. Gewiss, es kann wieder der normale Zustand eintreten, selbstverständlich; aber gleichzeitig, im trivialen Sinne gleichzeitig können sie nicht sein. Dasjenige Bewusstsein aber, das der Geistesforscher auf die vorgestern geschilderte Weise entwickelt, muss völlig gleich sein dem normalen Bewusstsein, sodass der Geistesforscher dem, was er vorher ist, gegenübersteht, wie der gewöhnliche Mensch einem äußeren Gegenstand gegenübersteht; das heißt das, was man vorher als gewöhnlicher normaler Mensch ist, das sieht man durch das erlangte geistesforscherische Bewusstsein als etwas an, auf das man hinschauen kann, wie man mit dem gewöhnlichen Sinnesbewusstsein hinschaut auf einen äußeren Gegenstand. Man ist vollständig mit seiner gewöhnlichen Organisation sich Objekt geworden. Aber dieses Objekt, das funktioniert weiter fort; das bleibt vollständig intakt. [...] Und wer im rechten Sinne und rechten Stile diejenigen Methoden anwendet, die in den genannten Büchern verzeichnet sind, der wird zu nichts anderem kommen, als dass er also es mit dem neu erlangten Bewusstsein macht.
Cite:
GA 70b/1916-01-14/p020 · edition original