8. Die Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und die Missverständnisse über die erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach

GA 70b/1916-01-14/p022 ·1916-01-14 · original (original)
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So kann man sagen: Den Einwand vonseiten der naturwissenschaftlichen Methoden, den Einwand der gründlichen sorgfältigen physiologischen Wissenschaft, dass das geistesforscherische Bewusstsein auch nur auf Illusionen beruhen könnte oder dergleichen, man kann ihn voll begreifen. Er gilt eben aber nicht, wenn das geistesforscherische Bewusstsein in der richtigen Art entwickelt wird. Und da wird es auch wiederum von besonderem Vorteil sein, wenn der Geistesforscher nicht - ich möchte sagen - zum Teil zu stolz oder zu faul ist, um sich einzulassen auf dasjenige, was die Naturwissenschaft nun nicht nur an Theorien, sondern an praktischen Anleitungen gibt, um das Seelenleben nicht in allerlei Extravaganzen hineinzuführen. Und man kann sogar sagen: Je mehr geistesforscherische Erziehung anstrebt, die schönen, die sorgfältigen Ergebnisse der berechtigten naturwissenschaftlichen Praxis anzuwenden, desto besser wird es sein für diese geistesforscherische Erziehung. Dasjenige, was Geistesforschung anstrebt — gerade weil sie in das Gebiet hineinstrebt, in das die bloße Naturwissenschaft niemals hineinkommen kann -, dasjenige, was Geistesforschung immer bei sich führen wird, wird sein: vollständige Achtung der berechtigten Ansprüche der Naturwissenschaft selbst und desjenigen, was sich für das Leben aus der Naturwissenschaft heraus ergibt. Das wird angestrebt werden müssen zwischen den beiden, was man bezeichnen kann als eine vollständige Harmonie. Und für denjenigen, der - ich möchte sagen - die Art des seelischen Verhaltens in der gesunden Naturwissenschaft auf der einen Seite kennt und in der gesunden Geistesforschung auf der anderen Seite kennt, für den zeigt sich eben erst die völlige Harmonie. Aber er wird auch einsehen, dass von der einen oder von der anderen Seite aus gesehen, einerseits in ganz begreiflicher Weise Einwürfe und Gegnerschaften entstehen können. Gegnerschaften entstehen ja auch vonseiten der einseitigen Geisteswissenschaft aus, die da glaubt, die Naturwissenschaft bekämpfen zu können, ohne sie zu kennen in ihrem eigentlichen Grundnerv. So zum Beispiel hört man - selbstverständlich tadle ich es nicht, wenn derjenige von einem unberechtigten Materialismus spricht, der die naturwissenschaftlichen Methoden kennt — und weiß, wie aus diesen naturwissenschaftlichen Methoden wiederum eine einseitige Kritik gegen die Geisteswissenschaft hin sich richtet. Und man erlebt es ja auch, dass viele, die da Geisteswissenschafter sein wollen, von dem einen oder anderen Gesichtspunkte, von einem ihnen «erhaben» dünkenden Gesichtspunkte aus über den Materialismus der Naturwissenschaften sprechen und glauben, wenn sie ohne Kenntnis dessen, was die Naturwissenschaften an Methoden und an Geistesdisziplin leisten, mit dem Vorwurfe des Materialismus irgendetwas in der Naturwissenschaft zu treffen. Die Naturwissenschaft hat ihre Methoden im Laufe der Jahrhunderte ausgebildet und sie hat diese Methoden dadurch ausgebildet, dass sie nicht ihre Grenzen überschritten hat. Sie hat diese Methoden dadurch ausgebildet, dass sie sich streng an die materiellen Vorgänge gehalten hat.

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Cite: GA 70b/1916-01-14/p022 · edition original