8. Die Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und die Missverständnisse über die erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach
Geistesforschung ist nun sehr geeignet, in einer gewissen Weise gegen sich selber nun nicht nur berechtigte Einwände, sondern - ich möchte sagen - berechtigte Vorurteile hervorzurufen. Das kommt auf die folgende Weise zustande. Der Naturforscher, weil er sich mit einer gewissen gesunden materialistischen Methode an die Tatsachen des materiellen Geschehens halten muss, kommt sehr leicht dazu, den Geist vollständig als etwas zu betrachten, was entweder gar nicht da ist, oder was man wenigstens nicht erkennen kann. Und dadurch wird die Wissenschaft allmählich nicht dasjenige, was sie sein könnte - ich möchte sagen: Eine äußere Offenbarung für tiefe innere Tatsachen des geistigen Lebens selber, sondern die Wissenschaft wird etwas, was nur getrieben wird so, dass man im materiellen Leben stecken bleibt. Dann überträgt sich sehr leicht dieses theoretische Stehenbleiben beim Materiellen auf das praktische Leben; und die Folge kann sein, dass man eigentlich zuletzt zu der Anschauung kommt, alles Geistige habe denn doch keinen Wert oder könne wenigstens nicht erkannt werden; die Wissenschaft sei eine Anleitung für den menschlichen Nutzen. Sodass diese Wissenschaft für den sozialen und auch für den individuellen Egoismus im Laufe der Zeit vielfach eine bloße Dienerin geworden ist, dass sie in den Dienst des Egoismus getreten ist, dass, statt die Wahrheit wie eine Göttin in der Wissenschaft zu suchen, vielfach nur dasjenige gesucht wird, was der materiellen Menschheitsentwicklung auf dem einen oder anderen Gebiete dienen kann. Diejenigen, die diese materielle Menschheitsentwicklung als die einzige ansehen, auf die es ankommt, die müssen ja im Grunde genommen, wenn sie konsequent sind, auch die Wissenschaft von der Natur so betrachten, dass alles Wissen, das aus der Natur gewonnen wird, zuletzt eine Anwendung findet in dem materiellen Fortschrittsprozess, den die Menschheit durchmacht. Ja, man kann sehen, wie - ich möchte sagen -, eine in den Dienst der praktischen, rein materiellen Interessen tretende wissenschaftliche Richtung bedrohend vor das Seelenauge hintritt. Der Mensch ist sehr leicht geneigt, wenn er sich mit seinen naturwissenschaftlichen Methoden ohne Gefühl und Empfindung für die Realität des Geistes hingibt, der Mensch ist sehr leicht geneigt, dann das Materielle, den materiellen Nutzen überhaupt einzig und allein zu achten.
Cite:
GA 70b/1916-01-14/p024 · edition original