8. Die Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und die Missverständnisse über die erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach
Wie Naturforschung, wenn sich der Mensch an das Materielle in ihr gewöhnt, sehr leicht zum Materialismus verführt, so führt Geistesforschung zu allen möglichen Schwärmereien, zu allem möglichen Sichloslösen von der äußeren Vernünftigkeit des Lebens, wenn der Mensch nicht sich auf den Pfad der Wahrheit begeben will, sondern wenn er sich dem hingeben will, was ihm so nach seinen subjektiven Bedürfnissen und subjektiven Wünschen einleuchtend ist. Die Naturwissenschaft beschäftigt sich mit der Natur - das kann leicht zu Materiellem führen; die Geisteswissenschaft befasst sich mit dem Menschen und seiner Seele. Dadurch führt sie besonders leicht dazu, dass sich der Mensch nach seinem Wohlgefallen - ich möchte sagen - aus seiner Seele Wohlgefallen heraus, ganz besonders wichtig nimmt. Und indem er fühlt: Du gehörst mit Deiner Seele zum Geistigen, wiederholt er sich das wohlgefällig immer wieder und wiederum, und es kommt dann nicht nur dazu, dass die große, die umfassende Wahrheit von den wiederholten Erdenleben bei solchen Wollüstlingen der Seele leicht dazu führt, dass sie dann vor allen Dingen bemüht sind, darüber nachzugrübeln, ob sie nun selbst eigentlich der Alexander oder der Cäsar oder die Marie-Antoinette oder irgendjemand im historischen Leben gewesen sein könnten oder noch irgendwo anders die vorhergehenden Erdenleben suchen. Aber ich will selbst von solchen Verirrungen nicht sprechen. Schwärmerei — ich möchte sagen - innerliche Bedürftigkeit, Verbundensein in Eitelkeit mit dem Geistesleben, das zeichnet sehr viele aus als nicht auf dem Boden der Wahrheit in der Geisteswissenschaft drinnen stehend, sondern auf dem Boden der Eitelkeit und Schwärmerei stehend, auf jenem Boden, auf dem man losgelöst ist von dem völligen Zusammenhang mit dem Leben. Wahre Geisteswissenschaft führt von diesem Boden des wahren Lebens aber nicht hinweg, sondern im Gegenteil, sie führt näher an das Leben heran. Wer keine Anlagen dazu hat, das Leben mit vollem Interesse, mit vollem Ernste zu nehmen, sondern in gewissem Maße in seiner Seele einer Art Seelen-Vagabundage zuneigt, der kann leicht dazu kommen sogar zu Nichtigkeit, zu Lässigkeit des Lebens gegenüber dem Leben dadurch, dass er nun in der Geisteswissenschaft drinnen steht. Und sehr viele, die es nicht dazu bringen können, durch ihrer Hände Arbeit, durch ordentlichen Lebensfleiß etwas Vernünftiges im Leben zu erfüllen, die sieht man, wie sie sprechen von einer höheren Mission, die ihnen aus der geistigen Welt erteilt worden ist, und die sie vor allen Dingen zu erfüllen haben. In der Wahrheit gesprochen, müsste man da oftmals sagen: Lebensfaulheit und Lebenslässigkeit erscheint in eine merkwürdige Sprache übersetzt als geistige Mission. Da kann man sich dann nicht mehr wundern, sehr verehrte Anwesende, wenn diejenigen, die gewöhnt sind an innere Seelendisziplin, die aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung folgt, mit einem gewissen Spott hinsehen auf diejenigen, die nun die Naturwissenschaft ihrerseits und oftmals mit der Naturwissenschaft das Leben selber verachten und von allerlei geistigem Zeug reden, bloß aus dem Grunde, weil sie von dem Leben naturwissenschaftlich nichts verstehen wollen und in das gewöhnliche Leben sich nicht mit entsprechendem Fleiß, entsprechendem Ernst und entsprechender Aufmerksamkeit hineinstellen wollen.
Cite:
GA 70b/1916-01-14/p026 · edition original