8. Die Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und die Missverständnisse über die erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach
Und auch im Äußerlichen, sehr verehrte Anwesende — was durch die Geisteswissenschaft da in die Welt treten kann, es ist ja wenig, verhältnismäßig wenig —, und auch im Äußerlichen zeigt sich, wie Missverständnisse auftreten müssen und im Grunde genommen begreiflich sind. In dieser Beziehung möchte ich mit einigen Worten noch einmal heute - ich habe es im vorigen Winter schon versucht hier von dieser Stelle aus -, noch einmal mit einigen Worten auf das bisherige äußere, noch nicht vollendete Wahrzeichen der geisteswissenschaftlichen Forschung, den Dornacher Bau, zu sprechen zu kommen. Es ist ja begreiflich, ganz begreiflich, dass diesem Dornacher Bau heute noch viele, viele Missverständnisse entgegengebracht werden. Denn im Grunde genommen: So wahr es auch ist, dass er auf rein künstlerischen Grundlagen ruht und nicht auf irgendetwas Symbolischem oder dergleichen, so wahr ist es auch, dass er so in die Welt tritt, dass er im Grunde genommen sich als etwas ganz anderes darstellt, als man bisher gewohnt war zu sehen als Bauwerk oder als künstlerische Darbietung. Er widerspricht den Empfindungsgewohnheiten der bisherigen künstlerischen Anschauungen in vieler Beziehung so, wie Geisteswissenschaft den Denkgewohnheiten der bisherigen wissenschaftlichen Anschauungsweise vielfach widerspricht und widersprechen muss. Warum ist das der Fall? Ja, sehr verehrte Anwesende, Geisteswissenschaft führt ja, wie vorgestern gezeigt worden ist, ihren ganzen Methoden nach in ein anderes Denken hinein, oder vielmehr in eine Verwandlung des Denkens hinein, führt hinein in eine solche Betätigtheit der Seele, die aus dem Denken entsteht, die viel mehr in der Realität drinnen lebt, als das gewöhnliche Bild-Denken, das nichts anderes geben will als eben eine Nachbildung der äußeren Wirklichkeit. Während das gewöhnliche Denken gerade seinen Wert darinnen sehen muss, dass die Vorstellungen, die es erweckt, getreue Nachbilder einer äußeren Wirklichkeit sind, nichts unmittelbar selbst Erlebtes, sondern nur etwas der äußeren Wirklichkeit Nacherlebtes, muss dasjenige, was sich durch die geistesforscherische Methode aus dem Denken heraus entwickelt, etwas sein, was die Seele unmittelbar erlebt. Nicht in ein Bild hinein müsste sich die Seele erheben, sondern in reales Leben, in das objektive Gedankenwesen der Welt. Und so ist es auch mit dem, was sich aus dem Willen heraus entwickelt. Dadurch aber kommt die Seele auch dazu, sich in das, was sonst instinktiv als das Künstlerische, als das Stilgemäße, als das künstlerische Formen Herausbildende zutage tritt - in das sich noch mehr hineinzuleben. Das ist ja das Wesentliche der Seelenbetätigungen, die durch die Geistesforschung in der Seele zutage treten, dass die Seele mehr untertaucht in die geistige Wirklichkeit. Und indem die Seele also untertaucht in die geistige Wirklichkeit, taucht sie auch anders unter in die Welt der Formen, in die Welt des Gestaltens. Dadurch aber wird sie dazu geführt, nicht etwa an die Stelle der Kunst etwas anderes zu setzen als Kunst, aber der Kunst sich in einer anderen Weise zu nähern. Während die andere Kunst ausgehen muss von dem, was sich den Sinnen darbietet, und dasjenige, was sich den Sinnen darbietet, heraufgehoben werden kann in das Geistige, sodass die Kunst auftritt als etwas aus der Sinnenwelt Heraufgehobenes, über das ausgegossen ist dasjenige, zu dem man heraufgestiegen ist bis zu einer geistigen Forschung. Der äußeren sinnlichen Wirklichkeit ist dasjenige, was man nennen kann «Erfassen des Künstlerischen durch die Geisteswissenschaft», etwas, was den gerade umgekehrten Weg macht. Der Mensch steht dann zuerst im Geistigen drinnen. Er lebt lebendig das Weben und Leben der geistigen Geschehnisse, er tritt gegenüber als Geist dem Geiste. Und wenn nun in ihm künstlerische Betätigungsmöglichkeit ist, wenn Kunst entstehen soll, dann wird nicht, wie es in der sonstigen Kunst geschieht, in der Kunst bisher geschehen ist, das Sinnliche hinaufgeführt, bis man ihm den Glanz des Geistigen geben kann, sondern es wird das Geistige hinuntergeführt in das Materielle.
Cite:
GA 70b/1916-01-14/p029 · edition original