8. Die Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und die Missverständnisse über die erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach
Sehr verehrte Anwesende, ich kann selbstverständlich nur ganz fragmentarisch auch diese Dinge andeuten. Eben für dasjenige, worauf es ankommt bei der Behandlung der Farben zum Figuralen, sollte etwas versucht werden, was nun gewöhnlich nicht mit der Farbe versucht wird. Da sollte versucht werden, die Farbe unmittelbar zu erleben. Alles dasjenige, in das sich durch Geistesforschung die Seele einlässt, soll da innerlich erlebt werden. Die Farbe soll nicht bloß Oberfläche sein, die irgendetwas, was darunter ist, offenbart, sondern die Farbe soll innerliches Leben haben und dieses innerliche Leben selber entwickeln; sodass aus der entsprechenden Farbe und Farbenzusammensetzung das Leben selber entsteht; sodass man das malerische Kunstwerk so ansieht, dass man unmittelbar in dem Zusammenwirken des Farbigen und desjenigen, was aus der Farbe in die Form hinein sich lebt, das Gefühl hat: Man lebt in dem, was in der Farbe lebendig ist, was in der Farbe lebendig ist, selber darinnen. Man ergreift die Wirklichkeit in der Farbe, nicht durch die Farbe, [man ergreift die] hinter der Farbe stehende Wirklichkeit. Farben sollen sich aussprechen, Formen sollen sich aussprechen - nicht etwas durch Farben, nicht etwas durch Formen. Denn dazu führt gerade das Leben mit der geistigen Welt, die Farben und Formen dann, wenn sie bildlich dargestellt werden sollen, nur so darzustellen, wie wir sie künstlerisch wirklich in jedem Augenblick haben, das man unmittelbar nicht an irgendein Modell sich hält, sondern dass man das - was Leben und Weben in der geistigen Tatsache und in der geistigen Wesenheit ist -, selber hineinbringt in das Weben der Farben und in das Leben der Formen, die man nun auf die Fläche bringt. Und dieses andere musste angestrebt werden aus dem Grunde, weil eben das Ganze des Baues wie die Schale sein sollte, die sich aus denselben Kräften ergibt, wie die Geisteswissenschaft selber. Da musste zum Beispiel auch abgegangen werden von dem Prinzip, Säulen hinzustellen, von denen jede folgende immer der vorhergehenden gleich ist, Säulen mit Kapitellen, die alle untereinander gleich sind. Es musste eine gewisse Entwicklung verfolgt werden vom ersten Säulenpaar mit seinen Kapitellen zum zweiten und so fort. Das gibt eine innere Gestaltung, eine innere Entwicklung, wie sie die Natur selber macht, indem sie aus dem Grundton, aus der Prim, die anderen Töne, die Sekund, Terz und so weiter entwickelt. Und so wahr es kein Aberglaube ist, so wahr es nicht irgendetwas mystisch Verrücktes ist, wenn man sieben Töne in der Tonleiter sieht und in dem achten Tone die Wiederholung des Grundtones, so wenig ist es etwas mystisch Geheimnisvolles, wenn gesucht wird ein Fortschreiten in den inneren Motiven der Kapitelle, und dadurch eine Siebenzahl der Säulen ganz wie von selbst herausgebracht wird, weil man drinnen steht im Weltenschaffen mit dem Geistigen, wie das naturschöpferische Element im Schaffen selber drinnen lebt. So stellt sich ein Parallelismus heraus zwischen dem, was primitiv in der Natur vorhanden ist, wie die sieben Töne, die sieben Farben im Regenbogen, mit demjenigen, was auf geistigem Gebiete auftritt. Das Merkwürdige ist nur, dass es geschehen konnte, dass Menschen sich anschauten diesen Dornacher Bau und meinten, aus irgendeinem Aberglauben gegenüber der Siebenzahl seien hier sieben Säulen gewählt worden. Dieselben Menschen könnten sagen: Was ist das doch für ein grotesker Aberglaube, dass der Regenbogen sieben Farben hat oder dass die Tonskala sieben Töne hat! - Es würde ja von derselben Logik sein, das eine wie das andere. Das eine wie das andere ist durch die Natur der Tatsachen gefordert.
Cite:
GA 70b/1916-01-14/p036 · edition original