8. Die Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und die Missverständnisse über die erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach
Und so konnte sich denn dazumal, als jener katholische Priester über Galilei seine Rektoratsrede hielt, die dann gedruckt worden ist, etwas sehr Merkwürdiges abspielen. An derselben Universität war ein reiner Naturforscher, ein Naturforscher, der sich befasst hatte namentlich mit Kriminal-Anthropologie, mit Anthropologie überhaupt, ein Naturforscher, der zwar nicht Darwinist war, aber streng auf dem Boden der Tatsachenforschung stand und der bis heute diesen Boden streng innegehalten hat. Gerade in der Zeit, als jener christliche Professor sein Rektorat antrat und zu Ehren Galileis sprach, arbeitete der Naturforscher eine «Seelenkunde» aus. Und siehe da: Der Naturforscher widmete seine Seelenkunde dem christlichen Priester, der für Galilei eintrat. Der Naturforscher, der nicht einmal seinem Glaubensbekenntnis und seiner Abstammung nach Christ ist, widmete dem christlichen Priester ein Werk, das nun auch als Seelenkunde ganz auf physiologischem, auf naturwissenschaftlichem Boden erwachsen ist, gleichsam als Dank dafür, dass derjenige, der auf dem Boden des Geisteslebens als Priester und als Christ stand, den Weg gefunden hat hinüber zu einer objektiven Betrachtung des Naturdenkers Galilei. [Da ist die] Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft, zwischen dem Leben im Geiste und dem Leben in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis an einem besonderen Beispiel hervorgetreten! Die Zeit, wo man nicht mehr in dem Kampfe, sondern in der Harmonie das Ziel des geistigen Strebens auf allen Gebieten sehen wird, das wird die Zeit sein, in der auch die Missverständnisse gegenüber der Geistesforschung schwinden werden, die heute ebenso begreiflich sind, wenn sie auftreten, auftreten auf religiösem Gebiet oder auftreten auf naturforscherischem Gebiet, wie die Einwände gegen den Kopernikanismus begreiflich in ihrer Zeit waren. Aber einsehen werden die Menschen immer mehr und mehr, dass dieses Ziel gar nicht etwa ein ganz fernes, im Nebulösen weilendes Ideal ist, sondern dass es etwas ist, was wirklich in der nächsten Zukunft angestrebt werden kann und angestrebt werden muss. Merkwürdig nähert sich ja die Naturwissenschaft - ich möchte sagen - ja unbewusst der Geistesforschung. Nur ein sehr oberflächliches Beispiel sei zum Schlusse angeführt.
Cite:
GA 70b/1916-01-14/p044 · edition original