9. Das Weltbild Des Deutschen Idealismus. Eine Betrachtung Im Hinblick Auf Unsere Schicksaltragende Zeit

GA 70b/1916-02-15/p017 ·1916-02-15 · original (original)
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In Bezug auf alles Übrige kommt er zu dem, was man einen Skeptizismus, eine Zweifelsucht nennt. Aus dieser musste sich Kant herausarbeiten. Aber nun wiederum, wenn wir sehen, wohin hat es denn diese Weltanschauung - ich meine insoferne sie jetzt die Ausgestaltung der Volksseele ist -, wohin hat sie es denn gebracht? Wir haben ein merkwürdiges Weltenbild sehen sich entwickeln in der neueren Zeit, in der Gegenwart, das herausgekommen ist gerade aus dem britischen Volksgeiste, der dabei etwas unterstützt wurde von dem amerikanischen Volksgeiste. Wir haben gesehen, dass aus dieser Bewusstseinsseele, die vor allen Dingen das Ich geltend machen will in der Welt, in der physischen Welt, sich das herausentwickelt hat, was man Pragmatismus nennt. Wir dürfen darüber nicht sprechen objektiv, denn auch eine Anzahl von Deutschen sind ja hereingefallen - wenn ich das triviale Wort gebrauchen darf -, weil sie Philosophen sind, sind ja hereingefallen auf diesen Pragmatismus. Worin besteht dieser Pragmatismus? Ja, dieser Pragmatismus tut eigentlich nicht mehr oder nicht weniger, als dass er sagt: Ach, die Wahrheit, wie sie sich so heraus entwickeln soll als Wahrheit aus der Seele, das gibt es ja eigentlich gar nicht. Dasjenige, was man zusammenfasst in einzelnen Urteilen, in Vorstellungen, die man dann als Wahrheit anschaut, das ist von dem menschlichen Geiste nur ausgedacht, um sich als brauchbar zu erweisen draußen in der Welt. Redet ihr von der Seele: Seele, das ist nur ein pragmatischer Begriff. Wir sehen, wie es einzelne Erscheinungen des menschlichen Lebens gibt, die fallen uns auseinander, und wir können sie nicht recht zusammenhalten, wenn wir nicht eine Einheit voraussetzen. Die haben wir nur, um aufzufassen dasjenige, was äußere Erscheinung ist. Die Wahrheit muss etwas sein, ein Vorteil, das brauchbar ist in der äußeren physischen Welt. Das ist der Pragmatismus. Man darf nicht glauben, dass das nur eine philosophische Hirnspalterei ist. Es hängt tief mit dem Volksgeiste und mit dem, was aus diesem Volksgeiste heraus schafft, zusammen. [Robert Seeley], Professor für Geschichte, hat in den Achtziger-, Neunzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts die englische Geschichte betrachtet - das entsprechende Werk ist 1883 erschienen - und hat darauf hingewiesen, dass es eigentlich gewissermaßen ein Vorurteil ist - denn das ist der Sinn des Geschichtsbuches -, dass man im neunzehnten Jahrhundert im Engländertum immer den Kampf des Engländertums für Freiheit und Demokratie als die englische Geschichte durchziehend betrachtet hat. Er geht etwas weiter zurück und versucht, diese englische Geschichte zu betrachten, und bekommt heraus, dass man zusammenfassen kann dasjenige, was geschehen ist, unter dem Namen «Expansion Britanniens»; zuerst das große Britannien, dann das größere Britannien. Die Italiener haben es ihnen nur nachgesprochen, indem sie vom «größeren Italien» sprachen. Und dann sagt [Robert Seeley], Professor: Aber Geschichte ist nicht dazu da bloß, dass man aus ihr etwas lernt, dass man gleichsam eine Wahrheit, die man nun mit der Seele herumträgt, sodass man etwas weiß, aus der Geschichte gewinnt, sondern Geschichte muss geprägt werden, muss ins Leben eingeführt werden. Und wie wird sie geprägt? Sie wird dadurch geprägt, dass man sieht: Britannien hat sich im Lauf der letzten Jahrhunderte immer vergrößert. Also muss man aus ihr lernen, wie man sich weiter vergrößert. - Die Wahrheit, wie man sie brauchen kann, wie man sie in den Dienst stellen kann des äußeren physischen Lebens!

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