9. Das Weltbild Des Deutschen Idealismus. Eine Betrachtung Im Hinblick Auf Unsere Schicksaltragende Zeit
Aus dem Nachbarorte war ein Gutsherr an einem Sonntag herübergekommen in den einfachen Bauernort, in dem Fichte aufgewachsen war. Dazumal war er ein neunjähriger Knabe, Fichte. Der Gutsnachbar war herübergekommen, wollte die Predigt hören, aber er war zu spät gekommen. Der Gutsherr konnte die Predigt nicht mehr hören. Da rief man, weil man wusste, wie Fichte zu hören verstand schon als neunjähriger Knabe, wie er dasjenige, was er hörte, schon mit seiner Seele zu verbinden wusste, da rief man den neunjährigen Fichte. In seinem blauen Bauernkittel kam er hin und wiederholte mit einem inneren Feuer Wort für Wort die Predigt, die er eben gehört hatte, so aber, dass man sah: Jedes Wort, das er sagte, das war zusammengewachsen mit dem Innersten seiner Seele. Da wirkte nicht einseitig Empfindungsseele oder Verstandesseele oder Bewusstseinsseele, da wirkte der Seele Ganzes. In diesem Sinne ist Fichte — ich möchte sagen - einer der urdeutschen Geister, aber ein Geist, der innig zusammenhing auch mit der ganzen Sendung beziehungsweise mit dem ganzen Wesen des deutschen Volkstums.
Cite:
GA 70b/1916-02-15/p022 · edition original