9. Das Weltbild Des Deutschen Idealismus. Eine Betrachtung Im Hinblick Auf Unsere Schicksaltragende Zeit

GA 70b/1916-02-15/p050 ·1916-02-15 · original (original)
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Und wenn wir den Blick abwenden nunmehr von dem westlichen und dem mittleren Europa und hinblicken nach dem Osten Europas, so finden wir, wie da auf weiten Gebieten ein Volk lebt, welches vor allen Dingen sich für den Geisteswissenschafter dadurch charakterisiert, dass die Seele überhaupt noch nicht herausgegangen ist, weder zur Empfindungs- noch zur Bewusstseins- noch zur Verstandesseele, dass sie auch nicht erfasst noch dasjenige, was in dem Ich erlebt werden kann, sondern dass sie noch ganz wie ein Äußeres ersehnt und erschauen will dasjenige, was die Welt als deren Wesenheit durchpulst. Es ist das russische Volk. Aber ein sehr Eigentümliches lebt in diesem russischen Volke. Es lebt in diesem russischen Volke, eben weil es nicht wie die westlichen Völker in sich heute schon findet den Quell, aus dem ein Weltenbild entspringen kann, es lebt in diesem russischen Volk die Sehnsucht, ein Weltenbild von außen zu empfangen, aber zu gleicher Zeit wiederum die Ungeneigtheit, dieses Weltenbild vom Westen zu empfangen. Daher tritt uns in der neueren russischen Literatur immer wieder und wiederum die Anschauung entgegen, dass die ganze westliche und mitteleuropäische Kultur verfault, abgestorben sei, und nur aus dem jungen russischen Geistesleben heraus dasjenige als Weltenbild entspringen könne, was die Menschheit erlösen könne. Immer wieder und wiederum tritt es uns entgegen. Ich möchte sagen: Es tritt uns entgegen so, dass man sicht die ungeheure Anmaßung, die darinnen liegt, alles Westliche als etwas Greisenhaftes anzusehen, und die Welt von vorne beginnen zu wollen, aber mit dem Bewusstsein, dass man mit etwas Besserem beginne.

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