9. Das Weltbild Des Deutschen Idealismus. Eine Betrachtung Im Hinblick Auf Unsere Schicksaltragende Zeit
Dasjenige, was im englischen Pragmatismus als Wahrheitsbegriff herausgekommen ist, dass man die Wahrheit eigentlich nur brauchen solle, um sich in der Welt zurechtzufinden - Carneri sagt, indem er noch nicht das Wort «Pragmatismus» braucht, das ist ja erst in allerneuester Zeit geprägt worden: Die Engländer sind gewiss sehr vielfach voraus: Sie sind praktisch, praktisch. Ins Praktische hinein wissen sie alles zu führen, was sie nur erdenken können, was sie schaffen und erfinden können. Aber sie sind so praktisch, dass ihre Praxis es sogar dahin gebracht hat — Carneri sagt es, wie gesagt, aus einer tiefen Erkenntnis heraus -, dass ihnen die Einsicht, dass sie den größten Dramatiker aller Zeiten, Shakespeare, hervorgebracht haben, erst von den Deutschen beigebracht werden musste. - Das ist durchaus so. Denn derjenige, der die Geschichte der Anerkennung Shakespeares einmal schreiben muss, wird eine Geschichte, ein Kapitel der Geschichte deutschen Geisteslebens, nicht des englischen Geisteslebens zu schreiben haben. Aus der Tiefe des idealistischen deutschen Weltenbildes ist Shakespeare erst erkannt worden. Und Shakespeare ist eigentlich heimatlos in dem heutigen England.
Cite:
GA 70b/1916-02-15/p082 · edition original