10. Das Weltbild des deutschen Idealismus. Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit

GA 70b/1916-02-19/p006 ·1916-02-19 · original (original)
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So einleuchtend zunächst, möchte ich sagen, so selbstverständlich eine solche Behauptung erscheint, so muss man doch sagen, dass sie von einem tieferen Weltanschauungs-Standpunkt aus irreführend ist. Selbstverständlich erscheint sie deshalb, weil sie - ich möchte sagen - das Allergewöhnlichste ist, was man sagen kann über Wissenschaft und Eindringen in die Welterkenntnis. Man sagt, wenn man von der Internationalität des Wissens und der Erkenntnis spricht, eigentlich nicht mehr, als wenn man sagt: Die Sonne oder der Mond seien allen Menschen gemeinschaftlich Gedachtes. Das sind sie; aber die Art und Weise, wie aus den Seelen, aus den Herzen der Menschen dasjenige spricht, was die Menschen zu sagen haben über Sonne und Mond, diese Art und Weise, sie ist verschieden nach den Begabungen, nach den geistigen Richtungen und Anlagen der verschiedenen Völker. Mit wirken die verschiedensten Begabungen, um dieses Wissen nach der einen oder nach der anderen Seite hin für die menschliche geistige Kultur fruchtbar zu machen. Darauf kommt es eben an, inwiefern dasjenige, was man wissen kann, eindringen kann in die ganze menschliche geistige Entwicklung in gesunder Weise. Darin aber haben die Begabungen, die Seelenrichtungen der verschiedenen Völker ihre ganz ausgesprochene Sonderheit. Wie wäre es sonst sinnvoll zu begreifen, dass einer der deutschesten Geister, Goethe, als er seine Weltenwanderung angetreten hatte, um anzusehen nicht nur dasjenige, was sich ihm in der Kunstbetrachtung darbot, sondern auch dasjenige, was ihm die Natur bieten konnte. Wie wäre es [anders] möglich, dass er von Italien aus an seine deutschen Freunde geschrieben [hat]: Nach allem, was ich an Naturdingen öffentlich und Naturtatsachen gesehen habe, möchte ich am liebsten nunmehr eine Reise nach Indien antreten - so sagte Goethe -, nicht um dieses zu entdecken, sondern um das Entdeckte in meiner Art anzusehen.

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