10. Das Weltbild des deutschen Idealismus. Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit
Schon der Knabe Fichte, wie steht er vor uns? Zwei Züge, wunderschön wirklich in dieser sinnigen Schönheit, wir können sie kaum bei einem andern Geiste wiederfinden: Der sechsjährige Sohn eines einfachen, bäuerlichen Mannes ist zunächst ein ordentlicher Schüler; und weil er ein so guter Schüler ist, wird ihm zu Weihnachten als Belohnung - er kann schon lesen - das Buch vom «Gehörnten Siegfried» vom Vater geschenkt. Es zeigt sich in der nächsten Zeit, dass Johann Gottlieb Fichte etwas unaufmerksamer wird im Lernen; er bekommt Vorwürfe darum. Wir sehen ihn stehen eines Tages an dem Bache, der vorbeifließt an dem Hause seiner Eltern, hineinwerfend den «Gehörnten Siegfried», der ihm lieb, so lieb geworden ist, an dem er seine ganze Seele aufgerichtet hat, hineinwerfend in den Bach. Und als der Vater dazukommt, da merkt der Vater, was der Grund ist dieses sonderbaren Benehmens des Knaben: Er konnte gegenüber dem schon damals in ihm lebenden eisernen Begriff der Pflicht, die an die Wurzel der Seele ging, nicht vertragen, dass das, was ihm als Mensch, als Persönlichkeit lieb ist, bei ihm bleiben sollte, wenn er darüber seine Pflicht verletzen konnte. So fühlt sich drinnenstehend in der Welt, die für ihn - ich möchte sagen - ganz durchsetzt ist von Pflichtkräften, schon der Knabe Fichte, der sechsjährige Knabe.
Cite:
GA 70b/1916-02-19/p038 · edition original