10. Das Weltbild des deutschen Idealismus. Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit
Später einmal, als Johann Gottlieb Fichte neun Jahre alt war, da besuchte das Dörfchen, in dem seine EItern wohnten, der Gutsnachbar. Er wollte eigentlich die Predigt am Sonntag hören; allein er kam zu spät. Was geschieht? Man führt ihn, weil der Pfarrer die Predigt schon gehalten hatte, man führt ihm den jungen Knaben, den neunjährigen Knaben im blauen Bauernkittel vor, der sich zunächst linkisch benimmt, der aber dann, als er sieht, was man von ihm will, lebendig wird, und der nun die ganze Predigt, die er als neunjähriger Knabe angehört hat, wörtlich vor dem Gutsnachbar vorbringt, so, dass alles, was er sagte, aus seiner Seele heraus waltet - so hatte er mit dem innersten Blick seiner Seele sich verbunden mit dem, was er eben gehört hatte, und so konnte er es wieder erfließen lassen aus dem Innersten heraus. So lebte er seelisches Leben mit im Unmittelbaren des eigenen Wesens. So war er vorbereitet, Fichte, zu finden das Weltbild des Deutschen Idealismus, dasjenige, was ihm - ich möchte sagen - allerdings von einem gewissen einseitigen Gesichtspunkte her, aber doch von einem echt deutschen Gesichtspunkte her erfließen konnte.
Cite:
GA 70b/1916-02-19/p039 · edition original