10. Das Weltbild des deutschen Idealismus. Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit
Einseitig gewiss ist auch diese Weltanschauung, weil sie - ich möchte sagen - die göttlich-geistigen Wesen, die der Welt zugrunde liegen, zu bloßen Logikern macht, weil die ganze Welt zu einem bloßen Gerippe ihrer Wirklichkeit gemacht wird. Aber deshalb ist es doch bedeutsam, dass einmal - ich möchte sagen — wie eine Stufe in der Entwicklung des deutschen Wesens erschienen ist dieses innerlich lebendige Durchfühlen und Durchweben eines durch die Welt gehenden Gedankenhaften: Ich will mich vereinen mit dem in der Welt wirkenden Gedanken, und ich bin überzeugt, dass ich damit nicht nur etwas habe in meiner Seele, was die Welt äußerlich abbildet, sondern, dass, wenn die Gedanken durch meine Seele fließen, so ist es das göttliche Wirken selber, das in mir seine Gedanken in der Seele erscheinen lässt — jene Gedanken, nach denen draußen Mineral, Pflanze, Tier und Mensch erschaffen sind. Draußen schafft der Gott nach den Ideen die Gestaltung und die Tatsachen; dann lässt er diese Ideen, indem er sie des Stofflichen entkleidet hat, durch die menschliche Seele fluten, und der Mensch nimmt teil, indem er sich hingibt diesem Fluten in einer, nicht verschwommenen, in einer ganz kristallklaren, nicht Gefühls-, sondern Ideen-Mystik: Der Mensch nimmt teil an der Wirksamkeit der göttlichen Gedanken in der Welt!
Cite:
GA 70b/1916-02-19/p055 · edition original