10. Das Weltbild des deutschen Idealismus. Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit
Man sieht es, wie wenig es verstanden werden kann! Da ist einer von denjenigen, die ganz kurz vor dem Beginn dieses Krieges früher in Deutschland als ausländische Geister herumgezogen sind, von allerlei Freundschaften gesprochen haben zu dem deutschen Wesen, von allerlei Verständnis, das sie sich angeeignet haben wollen für deutsches Wesen: das ist Emile Boutroux. Ganz kurz vor dem Krieg hat er sogar noch auf deutschen Universitäten gepredigt darüber, wie man verehren müsse die Tiefe des deutschen Geistes. Und jetzt erzählt der wohl echte Franzose [Boutroux] seinen Franzosen vor etwa — witzig will er sein natürlich, der gute [Boutroux] will witzig sein —, er erzählt, was für ein Unterschied besteht zwischen den Franzosen, den Engländern und den Deutschen; dasjenige, was wir - allerdings für die Franzosen ganz gewiss in einer scherzhaften Weise - heute aus den Tiefen des deutschen Wesens heraus gesucht haben, ja, davon schwätzte Boutroux in einer solchen Weise etwa zu seinen Franzosen noch vor ganz kurzer Zeit. Da sagte er: Ja, wenn die Franzosen einen Löwen erkennen wollen oder eine Hyäne - ganz genau bekommt man ja die Nachrichten nicht, aber so etwa sprach er - und es ist jedenfalls dem Wesen nach nicht ungenau, was ich erzähle -, wenn die Franzosen einen Löwen oder eine Hyäne beschreiben wollen, da gehen sie in die Menagerie und beobachten den Löwen oder die Hyäne; wenn die Engländer einen Löwen oder eine Hyäne erkennen wollen, dann machen sie eine Weltreise und beobachten draußen das Leben des Löwen oder der Hyäne. Wenn die Deutschen aber einen Löwen oder eine Hyäne erkennen wollen, dann gehen sie weder in eine Menagerie, noch machen sie eine Reise um die Welt, sondern sie ziehen sich zurück in ihre Studierstube und entwerfen aus ihrem Innern heraus das Bild des Löwen und der Hyäne, ohne anzuschauen das Äußere!
Cite:
GA 70b/1916-02-19/p072 · edition original