10. Das Weltbild des deutschen Idealismus. Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit
Aber vorerst wollen wir noch ein wenig sehen, wie dieses mitteleuropäische, deutsche Wesen angesehen wird mehr im Osten, in jenem Osten, [unter dem] der europäische Westen, das heißt unser Westen, in der Gegenwart so sehr zu leiden hat für dasjenige, was ja sein Wirkungsfeld, sein Wirken für Freiheit und Demokratie heute nennt dieser europäische Westen. Wenn wir die russische Volksseele ins Auge fassen müssen, so müssen wir sagen: In Russlands Volksseele, da lebt heute noch nicht dasjenige - und gerade dann, wenn wir ihre größten Produktionen, die Produktionen Tolstois und Dostojewskis ins Auge fassen, so sehen wir das bewahrheitet —, da lebt noch nicht in Einheit die unmittelbare Triebkraft des Ichs, da lebt noch alles als ein Äußerliches, wie der Russe entgegennimmt seine Religion als eine fremde, die griechisch-christliche Religion, die er nicht so wiedergeboren in sich hat, wie der Deutsche aus seinem tiefsten Inneren heraus es erlebt hat, sondern das er annimmt wie etwas wie eine Wolke, die über ihm schwebt, das er von außen hat. Während der Italiener aus der Empfindungsseele, der Franzose aus der Verstandes- und Gemütsseele, der Engländer, der Brite aus der Bewusstseinsseele, der Deutsche aus dem eigentlichen Ich wirkt, wirkt derjenige, der so recht der russischen Volksseele angehört, aus dem Unterbewussten des Ichs heraus, das noch gegenüber sich hat das Ich, das das Ich noch nicht in sich aufgenommen hat, das das Ich noch in einem mystischen Dunkel sehen will. Wie die noch nicht voll zum Bewusstsein gekommene Volksseele wirkt diese russische Seele, diese östliche russische Seele.
Cite:
GA 70b/1916-02-19/p076 · edition original