{"corpus":"steiner","locus":"GA 70b/1916-02-21/p035","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Bei Fichte brauchte ich Ihnen wohl nur ein paar Züge aus seinem Leben zu erzählen, damit Sie sehen können, wie wirklich dasjenige, was er erlebte - ich möchte sagen - auf den eisigen Höhen der Gedanken, die aber bei ihm von rein menschlicher Wärme durchströmt waren, wie das mit seiner Persönlichkeit, mit seinem unmittelbaren menschlichen Wesen zusammenhing. Ein Bild von dem ganz jungen Fichte: Er lernt gut, als sechs-, siebenjähriger Knabe schon unterworfen in der Schule seinen Pflichten. Der Vater belohnt den jungen Knaben dadurch, dass er ihm zu Weihnachten in seinem siebenten Jahre das Buch vom «Gehörnten Siegfried» schenkt. Fichte, der junge Fichte, der Knabe, ist ganz ergriffen von demjenigen, was sich auslebt durch die menschliche Persönlichkeit, die in einer solchen Seele steckt wie dem «Gehörnten Siegfried»! Und da stellt es sich heraus, dass er jetzt ermahnt werden muss, weil er nicht mehr so fleißig ist in der Schule wie bisher. Eines Tages sehen wir den Knaben in seinem blauen Bauernkittel; am Bache steht er, der vor seines Vaters Hause vorbeifließt: Plötzlich wirft er den «Gehörnten Siegfried», den er in seiner Hand hielt, ins Wasser hinein, und weinend steht er dabei und sieht, wie das Buch in den Wellen wegschwimmt. Der Vater kommt dazu, ist zunächst unwillig darüber, dass sein kleiner Bub das ihm geschenkte Buch ins Wasser geworfen hatte. Dann muss er erfahren, dass in diesem Falle dasjenige, was Fichte später zum eigentlichen Kernpunkte seines philosophischen Wirkens gemacht hat — den pflichtgetragenen Willen —, dass dieser pflichtgetragene Wille schon in dem Knaben Fichte so lebte, dass er es nicht ertragen konnte, durch die abgelenkte Aufmerksamkeit auf den «Gehörnten Siegfried» seine Pflicht nicht mehr als Lernender zu erfüllen! Und alles, was er erlebte, ist wohl bei dem Knaben schon [verbunden] mit dem innersten Weben und Wesen seiner Seele.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"11. Zur deutschen Gedankenentwicklung. Ein vergessenes Streben nach Geisteswissenschaft innerhalb derselben","site_heading":null,"date":"1916-02-21","location":null,"word_count":299,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-02-21/p035","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-02-21/p035"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/70b/1916-02-21/p035","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}