{"corpus":"steiner","locus":"GA 70b/1916-03-17","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17","ga":"70b","lecture":"1916-03-17","lecture_number":null,"title":"16. Zur Deutschen Gedankenentwicklung. Ein Vergessenes Streben Nach Geisteswissenschaft Innerhalb Derselben","site_heading":null,"date":"1916-03-17","location":null,"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"passage_count":157,"word_count":13471,"translation_credit":null,"witnesses":[{"lang":"de","edition":"original","is_original":true,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":157,"passage_count":157,"word_count":13471},{"lang":"en","edition":"English","is_original":false,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":157,"passage_count":157,"word_count":13988,"completeness":{"ratio":1.04,"band":"comparable","note":null}}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"passages":[{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p001","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p001","passage_number":1,"word_count":8,"text":"## GA 70b — 17 March 1916, Munich"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p002","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p002","passage_number":2,"word_count":12,"text":"### 16. Zur Deutschen Gedankenentwicklung. 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In unserer schicksaltragenden Zeit wird das ja als ganz besonders angemessen erachtet werden können."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p005","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p005","passage_number":5,"word_count":30,"text":"Und übermorgen - am Sonntag - wird es sich dann wiederum handeln um eine Betrachtung aus dem engeren Gebiete der Geisteswissenschaft, wie ich sie hier seit Jahren vertreten durfte, selbst."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p006","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p006","passage_number":6,"word_count":83,"text":"Nun ist es aber nicht bloß aus - ich möchte sagen unmittelbar gegenwärtigen, durch die bedeutsamen, tief einschneidenden Zeitereignisse gegebenen Empfindungen, dass ich über den Gegenstand des heutigen Themas sprechen möchte, sondern weil ich in der Tat nicht aus rein nationalen Gefühlen heraus, sondern - wie ich glaube - aus einer auf die Tatsachen gegründeten Überzeugung heraus annehmen darf, dass gerade dasjenige, was hier als geisteswissenschaftliche Weltanschauung vertreten wird, im innigsten Zusammenhange steht gerade mit ganz bestimmten Strömungen und Strebungen des deutschen Geisteslebens."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p007","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p007","passage_number":7,"word_count":113,"text":"Nicht, sehr verehrte Anwesende, um in den Ton zu verfallen, in den jetzt Deutschlands Gegner - die Gegner des deutschen Volkstums - verfallen, indem sie nicht nur anklagen, sondern verleumden dasjenige, was deutsches Geistesleben hervorgebracht hat, nicht um in diesen Ton zu verfallen - das ist, glaube ich, nicht nötig innerhalb des deutschen Geisteslebens -, sondern deshalb möchte ich diese Betrachtung anstellen, weil unsere Zeit eine Art Selbstbesinnung auf dasjenige, was das eigentliche Wesen in dem sich fortentwickelnden deutschen Volksgeiste auch in Bezug auf das Erringen einer geistigen Weltanschauung ist, weil sich die Selbstbesinnung auf diese Angelegenheit des deutschen Geisteslebens wie eine Art Grundbedürfnis der gegenwärtig innerhalb dieses Geisteslebens stehenden Seele ergeben muss."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p008","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p008","passage_number":8,"word_count":80,"text":"Wenn man aber eine solche Betrachtung anstellt, so fällt zunächst der geistige Blick wie selbstverständlich auf die drei großen Gestalten, von denen ich schon bei meiner letzten Anwesenheit hier zu sprechen hatte. Und ich möchte einleitungsweise - allerdings nur einleitungsweise — wiederum einiges über diese drei großen deutschen Denker- und Weltanschauungs-Persönlichkeiten vorbringen, über die ich schon das letzte Mal hier sprechen durfte, selbst auf die Gefahr hin, in Kleinigkeiten einiges wieder sagen zu müssen, was dazumal schon gebracht worden ist."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p009","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p009","passage_number":9,"word_count":50,"text":"Zunächst muss der geistige Blick fallen auf jene, so ganz aus dem deutschen Geistesleben herausgewachsene Persönlichkeit, die ja auch in einer der schwersten Zeiten deutschen Lebens Töne gefunden hat, die geeignet waren, das ganze Volk mitzureißen zu einer weltgeschichtlich notwendigen Begeisterung: der geistige Blick muss fallen auf Johann Gottlieb Fichte."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p010","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p010","passage_number":10,"word_count":70,"text":"Fichte - ich glaube, man muss von ihm sagen: Einer genaueren, eingehenden Betrachtung seines Wesens muss es auffallen, wie tief wahr das ist, was er wie seine eigene Empfindung in den verschiedensten Formen ausgesprochen hat, dass das Beste, was er zu sagen hat auf seinem Weltanschauungsgebiete, in seiner Seele wie entstanden ist aus einem intimen Gespräche, das er geistig immer wieder und wiederum geführt hat mit dem deutschen Volksgeiste selbst."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p011","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p011","passage_number":11,"word_count":164,"text":"Nicht wie eine Beurteilung von außen möchte ich das anbringen, sondern eben wie etwas, was Fichte selbst in seinem tiefsten Inneren empfunden hat. Und als was kann gerade dieser innerste Weg des Fichte’schen Strebens denn bezeichnet werden? Als begründete Überzeugung, denke ich, kann es bezeichnet werden: Das Innerste der menschlichen Seele, den Mittelpunkt des menschlichen Geistes-Seelen-Wesens so zu erkraften, so innerlich zu beleben, dass in diesem erhöhten Erleben des innersten Seelenlebens mitklingt dasjenige, was als Göttlich-Geistiges die Welt durchwebt und durchlebt, dass man in der Wesen Tiefstes nach dieser Überzeugung dadurch hineinkommt, dass man in sich das innerste Leben selber am stärksten zu machen versucht, sodass zusammenwächst das, was man in der eigenen Seele - nicht im Alltag, sondern in Feieraugenblicken des Lebens innerlich durchmachen kann, dass das zusammenwächst mit dem geistig-göttlichen Strömen selber, das aber nun nicht bloß in unserem Inneren, sondern das als die ganze Welt durchpulsend in der ganzen Natur und in allem geistigen, äußerem geistigen Leben auch zu finden ist."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p012","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p012","passage_number":12,"word_count":224,"text":"Nun ist es bei Fichte so, als ob von einer besonderen Seelenseite aus sich etwas zeigt, das in ihm Wurzel gefasst hätte von einer Seelenkraft aus, die bei ihm besonders stark entwickelt war, von jener Seelenkraft aus, die vielleicht sich so bezeichnen lässt, dass man sagt: Er empfand von den drei Kräften der Menschenseele - vom Denken, Fühlen und Wollen - vor allen Dingen das Wollen. Und er empfand selber das Ich so, dass das Wesentlichste des Ich-Erlebnisses das ist, dass der Mensch doch darauf kommen kann, sich zu sagen: Das Ich besteht eigentlich darinnen, dass man es wollen kann, und immer von Neuem wollen kann; und ihm seine Ewigkeit dadurch verbürgt wird, dass man fühlt in sich die Berechtigung, es immer von Neuem zu wollen; und dass in dieses Wollen eindringt dasjenige, was man im allertiefsten Sinne als Lebens- und Weltenverpflichtung fühlt; dass man in der Lebens- und Weltenverpflichtung zugleich etwas erfühlen kann, was hereinschlägt aus göttlich-geistigen Weiten in das eigene Wesen. Sodass man sagen kann: Das Höchste, das man erleben kann, ist die für die eigene Seele sich an dem Weltenganzen offenbarende Pflicht, die hereinschlägt in das eigene Wesen, und die einem die Gewissheit gibt, weil man einverwoben hat in das, was als pflichttragender Wille durch die Welt geht, als ewig pflichttragender Wille, man selber als ewiges Wesen in dieser Welt drinnensteht."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p013","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p013","passage_number":13,"word_count":44,"text":"Aus einem solchen Erleben, aus dem Erleben eines solchen Verhältnisses zur Welt, ging im Grunde genommen Fichtes ganze - man kann nicht einmal sagen «Weltanschauung», sondern ganze - Art, über die Welt zu denken und zu empfinden und über die Welt zu sprechen, hervor."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p014","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p014","passage_number":14,"word_count":93,"text":"Aber es ging das nicht aus seinem Wesen hervor, dass man von einer Theorie, von einer theoretischen Seite aus über das sprechen könnte. Es ging so aus seinem Wesen hervor - und das empfand er gerade immer als das Deutsche an seiner Art, über die Welt zu denken -, das ging so aus seinem Wesen hervor, dass nachgerade dasjenige, was wie ein allgemeines Weltenempfinden, Weltenanschauen war, unmittelbarste, persönliche Kraft seines Wesens war. So war es unmittelbarste Kraft seines Wesens, dass es im Grunde genommen schon hervortrat, als Fichte ganz jung, ein Knabe war."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p015","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p015","passage_number":15,"word_count":72,"text":"Und deshalb gestatten Sie mir, dass ich einzelne Züge, die gerade dieses persönliche Verhältnis zur Welt charakterisieren, schildere: Da sehen wir Johann Gottlieb Fichte, den Sohn armer Leute, mit sieben Jahren - er war bereits ein Schulknabe -, da sehen wir ihn eines Tages an dem Bach stehen, der an seines Vaters kleinem Weberhäuschen vorbeifloss, und in den Bach hineingeworfen hat er ein Buch. Weinend steht er da; der Vater kommt dazu."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p016","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p016","passage_number":16,"word_count":129,"text":"Was war eigentlich geschehen? Wie gesagt, schon ein Schulknabe war dieser Johann Gottlieb Fichte mit sieben Jahren; und da man ihn oft gelobt hatte für sein gutes Lernen, so musste man jetzt auch sehen, wie er - seit ihm der Vater dieses Buch, das er jetzt in den Bach geworfen hat, geschenkt hatte -, nun doch nicht mehr so aufmerksam und so fleißig war in der Schule wie früher; das hatte man ihm öfter jetzt zum Vorwurf gemacht. Dieses Buch war nämlich die Beschreibung der Taten des «Gehörnten Siegfried». Und als der kleine Johann Gottlieb Fichte, der schon lesen konnte, dieses Buch in die Hand bekam, da ging er auf in diesen großen Heldentaten; da wurde seine Aufmerksamkeit für die Schulgegenstände etwas geringer, und er konnte darüber getadelt werden."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p017","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p017","passage_number":17,"word_count":13,"text":"Da aber zeigte sich sogleich in seiner Seele der tiefste Grundzug seines Wesens."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p018","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p018","passage_number":18,"word_count":91,"text":"Wie auch deine Neigung sprechen möchte, wie auch deine Begeisterung sich anfachen möchte an der Gestalt des «Gehörnten Siegfried» — dachte er sich - das darf nicht sein; Pflicht ist das Höchste. Weil er die Pflicht um gar nichts vermindern will, wirft er das Buch ins Wasser — als siebenjähriger Knabe! So lebt das, was später der Grundton seines Verhältnisses zur großen Welt wurde, schon in dem Knaben: dieses Durchsetzt-Sein der menschlichen Seele mit dem pflichtgetragenen Willen, den er später so empfunden hat, dass er die Grundkraft des ganzen Weltalls ist."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p019","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p019","passage_number":19,"word_count":203,"text":"Und zwei Jahre später, den neunjährigen Knaben Fichte, wir betrachten ihn zum Beispiel in Folgendem: Da hatte sich der Gutsnachbar aufgemacht - der später der Wohltäter Johann Gottlieb Fichtes geworden ist -, um die Predigt in dem Heimatort Johann Gottlieb Fichtes an einem Sonntag zu hören; aber dieser Gutsherr aus der Nachbarschaft war zu spät gekommen. Die Predigt war schon vorbei. Der Gutsnachbar war etwas traurig; er hätte die Predigt gern gehört. Und während man so sprach, verfiel man darauf, dass ein Knabe da lebte, der die Predigten so anzuhören versteht, obzwar er erst neun Jahre alt ist, dass er sie ganz treu zu wiederholen vermag. Man holt den jungen Johann Gottlieb Fichte; er trat auf in seinem blauen Bauernkittel, zuerst recht linkisch sich gebarend, dann ins Feuer kommend: die ganze Predigt wiederholend; aber nicht so sie wiederholend, dass er sie abraspelte ohne inneren Anteil, sondern so, dass man sah - und das wirkte, wie gesagt, so tief bedeutsam, dass der Gutsnachbar später der Wohltäter von Johann Gottlieb Fichte wurde -, sodass man sah: Diese ganze Knabenseele war verwoben mit jedem Worte, und mit dem, was in jedem Worte lebte, und konnte neu erweckt die ganze Predigt geben wie das eigene geistige Eigentum!"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p020","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p020","passage_number":20,"word_count":77,"text":"Dieses, die Umgebung, das Warum, das Beobachten zu verweben mit dem Innersten des eigenen Erlebens in der Seele, das ist das Charakteristische, das Johann Gottlieb Fichte immer als den Grundzug einer Bildung gerade deutscher Weltanschauung empfunden hat. Das lebte ganz fest in ihm, dass man nur dadurch, dass man dieses Innere erkraftet, dass man da das, was in tiefster Seele sitzt, erlebt; dass man nur dadurch auch erleben kann, was als Göttlich-Geistiges die Welt durchlebt und durchwebt."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p021","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p021","passage_number":21,"word_count":164,"text":"So etwas lebte zum Beispiel in einem Grundzug, den uns der tiefsinnige Steffens erzählt, der ihn in Jena, als Fichte schon «Professor» war, selber mitgemacht hat. Da trat Johann Gottlieb Fichte vor seine Zuhörer und sagte: Zunächst, meine Herren Zuhörer, denken Sie die Wand! - Er wollte nicht bloß zu den Zuhörern sprechen so, dass er ihnen einen Inhalt mitteile, sondern er wollte ein lebendiges Band schaffen zwischen seiner Seele und der Seele der Zuhörer. Mittun sollten sie in einem geistigen Vorgang, den er unmittelbar sich abspielen ließ: Denken Sie an die Wand! - Nun, das konnten die Leute. Nachdem er sie eine Zeit lang an die Wand hatte denken lassen, da sagte er: So, nun denken Sie den, der die Wand gedacht hat! - Das verblüffte schon mehr; da waren sie nicht mehr so ganz drinnen in der Tätigkeit, die er von ihnen verlangte. Aber er wies unmittelbar darauf hin auf dieses In-der-Seele-Erfassen und -Ergreifen desjenigen, was in der Welt wirkt und lebt."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p022","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p022","passage_number":22,"word_count":74,"text":"Daher war auch die ganze Art und Weise, wie Johann Gottlieb Fichte als Vortragender wirkte, eine ganz besondere. Leute, die ihn gehört haben, erzählen, wie seine Rede dahinfloss wie Donnerrollen, und wie sich die einzelnen Worte entluden wie Blitzesschläge. Ja, es wird uns erzählt, wie er so wirkte wie ein Mensch, der das übersinnliche Reich der Ideen nicht bloß bewohnt, sondern unmittelbar darinnen herrscht. Und dieses Wort haben seine treuen Zuhörer von ihm geprägt."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p023","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p023","passage_number":23,"word_count":68,"text":"Es hat sich ja auch bei denen [bewahrt solch ein Wort]. Man kann verfolgen - wenn man einen Sinn dafür hat, die Geschichte auch in ihren intimeren Strömungen zu verfolgen -, man kann verfolgen, was aus Johann Gottlieb Fichtes Schülern geworden ist und wie sich bewahrt hat solch ein Wort. Da sagten Leute, die ihn verstanden: Er will nicht bloß gute Seelen erziehen, er will große Seelen erziehen!"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p024","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p024","passage_number":24,"word_count":168,"text":"Das soll ungefähr die Tiefe des Wirkens bezeichnen, die Johann Gottlieb Fichte einschlug; denn wenn er vor seine Zuhörer hintrat, so war es ihm nicht eigentlich darum zu tun, dies oder jenes zu sagen, so war es ihm nicht bloß darum zu tun, dass die Zuhörer dieses oder jene Wort von ihm aufnahmen; er bereitete sich gar nicht vor auf den einzelnen Wortlaut, sondern er versuchte zu leben dasjenige, was er seinen Zuhörern nahebringen wollte - zu leben darinnen mit lebendigem, innerem Seelenanteil. Dann trat er vor seine Zuhörer hin. Und nicht war cs ihm, wie gesagt, darum zu tun, dass sie diese oder jene Worte aufnahmen, sondern dasjenige, was er erlebte, indem er in dem, was er sagte, vor allem das wollte: den Weltenwillen aussprechen, sodass in seinen Worten fortlebte der Weltenwille. Dass das an die Seelen der Zuhörer heranwellte und heranpulste, darum war es ihm zu tun, um diesen Willen, der so sich lebend drinnen fühlte in dem, was der Welt zugrunde liegt nach seiner Anschauung."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p025","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p025","passage_number":25,"word_count":78,"text":"Deshalb konnte er auch jene hinreißenden Töne finden für eine Charakteristik des deutschen Volkstums, die er gefunden hat in seinen «Reden an die deutsche Nation», die niemand versteht nach dem, was sie in ihrem Untergrund sind, der nicht vermag einzugehen auf die tiefen Nöte, aus denen sie hervorgequollen sind, in Bezug auf Fichtes Seele. Man kann sagen: Dasjenige, was der deutsche Geist der Welt zu sagen hatte: Durch Fichtes Persönlichkeit lebte es sich aus nach der Willensseite hin."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p026","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p026","passage_number":26,"word_count":95,"text":"Wenn wir die zweite Gestalt betrachten - die Gestalt dessen, der sich wie ein Folger an Fichte anschließt Schelling -, so erscheint uns wiederum eine ganz andere Seite des deutschen Wesens. Bei Fichte ist es so, wenn er spricht, als ob das Willenselement selber durch sein Wort rollte. So kam nicht Schelling seinen Zuhörern vor. Schon als er in Jena als ganz junger Professor vor seinen Zuhörern stand, ein Jüngling noch unter Jünglingen, spricht er - Schelling — bezaubernd, so wie vielleicht vorund nachher in dieser Art niemand gewirkt hat durch eine unmittelbar akademische Rede."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p027","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p027","passage_number":27,"word_count":170,"text":"Warum wirkt Schelling so? Kann man bei Fichte sagen, dass dasjenige, was er der Welt sagte, im Willen lebte - bei Schelling lebt alles aus dem Gemüte heraus, aus jenem Gemüte, für das ja nur die deutsche Sprache ein Wort hat, aus jenem Gemüt, das in Liebe überzeugen will, auch wenn es erkennt, das in Liebe untertauchen will in die zu erreichenden Dinge. So fließt für Schelling zusammen dasjenige, was Naturdasein ist, in das er sich mit Liebe so vertiefen will, dass ihm diese ganze Natur wird wie das äußere Antlitz seines verborgenen Geisteslebens, Geist in der Natur. So weit ging er, dass er das einseitige Wort aussprechen konnte, Schelling: «Die Natur erkennen heißt, die Natur schaffen.» Gewiss ein einseitiges, in dieser Einseitigkeit ganz unwahres Wort; aber es weist uns gerade auf das Wesentliche bei ihm, Schelling, auf dieses Schaffen und Weben des Geistes, der hinter der Natur lebt, und in dem sich der Menschengeist selber erfassen will, um sich eins zu wissen mit allem Natur- und mit allem Geist-Dasein."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p028","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p028","passage_number":28,"word_count":58,"text":"Weil er so wirkte, so kam er vor seinen Zuhörern wie ein seherisch Schauender, sodass, während er sprach, Schelling, die Geistigkeit, von der er sprach, die ihn umfloss, hineintragen konnte. Während Fichte den Willen übermittelt, wird es bei Schelling so, wie wenn er als Seher gesprochen hätte und unmittelbar das sagte, was er schaute, während er es sagte."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p029","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p029","passage_number":29,"word_count":65,"text":"Man lernt solche Dinge doch am ehesten - ich möchte sagen — aus der unmittelbaren, überlieferten Anschauung. Daher gestatten Sie mir, dass ich den Eindruck, den ein wirklich tiefer Geist, der Schellings Freund und zuerst Zuhörer war — Schubert -, von ihm hatte; denn es ist schon gut, sich also unmittelbar hineinzuversetzen in das, was in einer bestimmten Zeit deutscher geistiger Entwicklung sich zugetragen hat."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p030","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p030","passage_number":30,"word_count":4,"text":"> «Was war es»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p031","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p031","passage_number":31,"word_count":5,"text":"sagt Gotthilf Heinrich Schubert —"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p032","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p032","passage_number":32,"word_count":35,"text":"> «das Jünglinge wie gereifte Männer von ferne und nahe so mächtig zu Schellings Vorlesungen hinzog? War es nur die Persönlichkeit des Mannes oder der eigentümliche Reiz seines mündlichen Vortrags, darin diese anziehende Kraft lag?»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p033","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p033","passage_number":33,"word_count":5,"text":"Das war es nicht allein."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p034","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p034","passage_number":34,"word_count":6,"text":"> «In seinem lebendigen Worte lag»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p035","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p035","passage_number":35,"word_count":1,"text":"allerdings"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p036","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p036","passage_number":36,"word_count":26,"text":"> «eine hinnehmende Kraft, welcher, wo sie nur einige Empfänglichkeit traf, keine der jungen Seelen sich erwehren konnte. 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Der mächtige Inhalt, der in seiner, wie mit mathematischer Schärfe im Lapidarstile abgemessenen Rede lag, erschien mir wie ein gebundener Prometheus, dessen Bande zu lösen und aus dessen Hand das unverlöschende Feuer zu empfangen, die Aufgabe des verstehenden Geistes ist.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p039","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p039","passage_number":39,"word_count":98,"text":"Das muss alles zauberhaft gewesen sein. Ich selbst habe noch Leute gekannt, Menschen kennengelernt, die Schelling zugehört haben, als er schon ein alter Mann war [...] da er das, was er wie ein Scher der geistigen Welten aussprach, heranbrachte an seine Zuhörer so, sodass es - wie die Leute sagen, die ihn dazumal gesehen und gekannt haben -, dass er nicht nur zu ihnen sprach, sondern dass seine Worte, wie er sie mitteilen wollte, wie aus seinen Augen zu ihnen fluteten. Das war noch im Alter der Fall; wie musste der Jüngling gewesen sein! - Dann sagt Schubert:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p040","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p040","passage_number":40,"word_count":83,"text":"> «Aber weder die Persönlichkeit noch die belebende Kraft der mündlichen Mitteilung konnten es allein sein, welche für die Schelling’sche Philosophie alsbald nach ihrem öffentlichen Kundwerden durch Schriften eine Teilnahme und eine Aufregung für oder wider ihre Richtung hervorriefen, wie dies vor und nachher in langer Zeit keine andere literarische Erscheinung ähnlicher Art vermocht hat. ... Man wird es da, wo sich’s um sinnlich wahrnehmbare Dinge oder natürliche Erscheinungen handelt, einem Lehrer oder Schriftsteller sogleich anmerken, ob er aus eigener Anschauung und Erfahrung»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p041","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p041","passage_number":41,"word_count":5,"text":"aus der geistigen Welt heraus"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p042","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p042","passage_number":42,"word_count":22,"text":"> «spricht oder bloß von dem redet, was er von andern gehört, ja nach eigener selbstgemachter Vorstellung sich aus gedacht hat ...»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p043","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p043","passage_number":43,"word_count":85,"text":"Nun, sehr verehrte Anwesende, man darf heute wohl sagen schon, dass es eine kindliche Weltauffassung wäre, zu glauben, wenn man solche Geister schilderte, so wollte man verlangen, zu Anhängern oder zu Gegnern zu sprechen. Auf Anhängerschaft und Gegnerschaft kommt es bei solchen Dingen nicht an. Man braucht kein einziges Wort, das Fichte oder Schelling geschrieben oder gesprochen haben, zu unterschreiben, oder man braucht keines einzigen Wortes Gegner zu sein. Auf den Inhalt kommt es dabei weniger an. Der Inhalt der Weltanschauungen ist in lebendiger Entwicklung."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p044","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p044","passage_number":44,"word_count":59,"text":"Wir werden insbesondere von seiner lebendigen Entwicklung, und was es mit diesen Inhalten für eine Bewandtnis hat, übermorgen einiges zu besprechen haben. Nicht um das oder jenes, was Fichte oder Schelling vertreten haben, etwa hier auch zu vertreten, ist es zu tun, sondern um das Leben der Persönlichkeiten anzuschauen — anzuschauen, wie sie drinnen standen im ganzen deutschen Geistesleben."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p045","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p045","passage_number":45,"word_count":57,"text":"Es ist etwas ungeheuer Bedeutsames, wenn solche Geister versuchen zu erkennen das, was Natur ist, und was auch geschichtliches Leben ist; sodass sie - wie Fichte das selber ganz bewusst war —, sodass sie das, was um sie ist, lebendig erfassen, mit ihrem eigenen Erkennen untertauchen in die Dinge. Und das war es, wonach diese Geister strebten."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p046","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p046","passage_number":46,"word_count":72,"text":"Dadurch aber - und man braucht da wirklich nicht aus engherzigem nationalem Empfinden heraus zu sprechen, sondern man kann ganz aus dem Tatsächlichen heraus sprechen; wie gesagt — brauchen wir nicht in den Ton zu verfallen, in den unsere Feinde heute verfallen! Darinnen zeigt sich, wie es auch Fichte betont hat, das Leben in der deutschen Weltanschauung gegenüber - sagen wir zum Beispiel - der westeuropäischen, der französischen oder der britischen Weltanschauung."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p047","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p047","passage_number":47,"word_count":162,"text":"Ich habe das letzte Mal hingewiesen darauf, welch ein gewaltiger Unterschied herrscht zwischen dieser Art Fichtes und Schellings und - man mag sie noch so sehr bekämpfen ihrem Inhalte nach -, [welch ein gewaltiger Unterschied herrscht] zwischen dieser Art Fichtes und Schellings, einzudringen in die Untergründe der Dinge, da, wo die ganze Außenwelt lebt, und in der Erkenntnis selber Leben gewinnt, zu dem, was Fichte die tote Weltanschauung, die Weltanschauung des Unlebendigen bei den westeuropäischen Geistern [nennt; wo die Welt] des Unlebendigen ihren Anfang nimmt, sagen wir, innerhalb des französischen Volkstums im Beginne des siebzehnten Jahrhunderts bei Descartes oder Cartesius. Dann aber entwickelt sie sich weiter, und man findet sie ganz besonders bedeutsam ausgeprägt kurze Zeit, vor Fichte und Schelling also, wie es geschildert worden ist, vor ihr deutsches Volk hintraten, man findet sie drüben in Frankreich diese Weltanschauung des Toten, des bloß auf das Materielle und auf das Mechanische hin Gerichteten; man findet sie zum Beispiel bei de La Mettrie ausgedrückt."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p048","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p048","passage_number":48,"word_count":97,"text":"Es soll damit nicht diese Weltanschauung, wie sie sich zum Beispiel bei de La Mettrie findet - bei diesem Vater des Materialismus, des neueren Materialismus -, sie soll nicht bekämpft werden; es soll nur hingewiesen werden, wie gerade das französische Volkstum im Gegensatz zu deutschem Volkstum, in das Tote, Mechanistische, geht. Wir sehen das bei Descartes, bei Cartesius, schon darinnen, dass für ihn nicht nur die Mineralien, die Pflanzen, sondern auch die Tiere bloß bewegte Maschinen sind. Für de La Mettrie wird endlich die Welt das, was er niederlegen konnte in seinem Buch: «Der Mensch eine Maschine»."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p049","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p049","passage_number":49,"word_count":91,"text":"Nun, selbstverständlich, sehr verehrte Anwesend, ist leicht bei jedem Volke Materialistisches und Spiritualistisches zu finden und so weiter. Aber ich bin mir klar darüber, dass ich nicht diesem bequemen Ausdrucksmittel folge, sondern, dass ich gerade das Charakteristische, das mit dem Volkstum zusammenhängt, heraushebe, und dass für das deutsche Volkstum Fichte und Schelling in ihrem Streben - wenn auch vielleicht nicht in ihrem Sinnen, wie wir gleich nachher sehen werden - so charakteristisch, so bedeutsam sind wie de La Mettrie - das ließe sich im Einzelnen beweisen - für das französische Volkstum."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p050","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p050","passage_number":50,"word_count":34,"text":"Da wird alles so erklärt - es ist ja berechtigt, weil selbstverständlich -, da wird alles so erklärt, dass man sieht, wie der Mensch abhängig ist von dem auch, was materiell in ihm wirkt."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p051","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p051","passage_number":51,"word_count":181,"text":"Zu sonderbaren Behauptungen kommt ja de La Mettrie, wenn er beweisen will, wie alles dasjenige, was ist, abhängig ist von dem, was durch das Essen aufgenommen wird. Vielleicht ist es doch nicht ganz unnötig, auf eine Stelle in dem Buche von de La Mettrie - «Der Mensch eine Maschine» — aufmerksam zu machen, auf diese Stelle im Buche des Franzosen de La Mettrie gerade in unserer Gegenwart hinzuweisen. Wir brauchen ja diese Stelle selbstverständlich nicht in der Art, wie sie hier angeführt wird, zu unterschreiben. Wir wollen nicht so Furchtbares denken von einer Nation, die jetzt auch mit uns in Kriegsfeindschaft lebt, wie dazumal der Franzose de La Mettrie gedacht hat. Aber interessant ist es doch vielleicht, anzuführen, was er sagt, um zu beweisen, wie eine ganze Nation dadurch, dass sie ihr Essen in einer bestimmten Weise hält, zu ganz bestimmten, auch seelisch-geistigen Eigenschaften kommt, und dadurch ableiten will die Abhängigkeit der Seele, des Geistes einer ganzen Nation von dem, was materiell durch Essen und Trinken aufgenommen wird. Da sagt also de La Mettrie in dem Buche «Der Mensch eine Maschine»:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p052","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p052","passage_number":52,"word_count":104,"text":"> «Das rohe Fleisch macht die Tiere wild; die Menschen würden es durch gleiche Nahrung werden. Wie wahr das ist, sieht man darin, dass die englische Nation, die das Fleisch weniger kocht wie wir, es ganz roh und blutig isst, eine größere Wildheit zeigt, die zum Teil durch jene Nahrungsmittel hervorgebracht wird, zum Teil freilich auch durch andere Ursachen, welche nur die Erziehung unterdrücken kann. Diese Wildheit bringt in der Seele Hochmut, Hass, Verachtung anderer Nationen, Unlenksamkeit und andere Gefühle hervor, die den Charakter verderben, wie die groben Nahrungsmittel einen schwerfälligen und plumpen Geist bei einem Volke erzeugen, dessen Haupteigenschaften Faulheit und Stumpfsinn sind.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p053","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p053","passage_number":53,"word_count":49,"text":"Wie gesagt: Wir haben nicht nötig, dieses harte Urteil eines Franzosen über die Engländer zu unterschreiben; aber es ist vielleicht interessant, daran zu erinnern gerade in unserer Zeit, wo so vieles andere heute gehört wird, in anderen Richtungen sich bewegt von dieser Seite her gegenüber den heutigen englischen Bundesgenossen."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p054","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p054","passage_number":54,"word_count":30,"text":"Der Dritte, sehr verehrte Anwesende, auf den aufmerksam gemacht werden muss, weil die dritte Seite des deutschen Wesens durch ihn spricht - und des Seelenwesens überhaupt -, das ist Hegel."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p055","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p055","passage_number":55,"word_count":55,"text":"Gewiss, wenn heute von Fichte, Schelling und Hegel gesprochen wird, da wird jedem zunächst einfallen: Ja, aber man kann nun doch wirklich nicht verlangen, dass die Menschen sich mit Fichte, Schelling und Hegel befassen! Und die meisten werden ja auch gleich, wenn sie ein Buch aufschlagen, es wieder zuschlagen, weil sie es zu schwierig finden."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p056","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p056","passage_number":56,"word_count":110,"text":"Aber, sehr verehrte Anwesende, wer die intimeren Seiten des geistigen Lebens kennt, der wird mir nicht ganz unrecht geben, wenn ich sage: Es wird eine Zeit kommen, wo man diese drei Geister in ihrem Streben so erfassen wird, dass man sie anschaulich darzustellen weiß in der neueren Zeit, dass das Wesentliche - was allerdings bei ihnen erst auftreten musste in einer schwer verständlichen Sprache, für jeden auch verständlich sein kann. Und dieser Schatz, der in diesen drei Geistern liegt, er wird noch einmal für jedes deutsche Kind fruchtbar werden, fruchtbar werden, wenn man nicht mehr zu lässig und zu faul sein wird, um sich in die größten Geistesschätze zu vertiefen."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p057","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p057","passage_number":57,"word_count":133,"text":"Der Dritte, wie gesagt, ist Hegel. Wenn bei Fichte der Wille es ist, in dem er sucht dasjenige, was durch die ganze Welt webt und west; [wenn] bei Schelling das Gemüt es war, indem gesucht wird die Liebe, die alles Äußere in Lebendigkeit erkennen kann - so ist bei Hegel vorliegend die Überzeugung, dass der Mensch, wenn er zu dem Gedanken aufsteigt, der nicht von der Sinnlichkeit durchdrungen ist, wenn er aufsteigt, der Mensch, zu dem sinnlichkeitsfreien Gedanken, und diesen sinnlichkeitsfreien Gedanken in sich wachsen und leben lässt, dass dieser Gedanke den die Seele nunmehr in sich selber erlebt, ein Strömen in der Seele ist, in dem die göttlich-geistigen Gedanken, aus denen heraus das Weltenall selber geschaffen ist, wirken und weben. In der Seele wirkt das göttliche Sein, indem die Seele sinnlichkeitsfrei denkt."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p058","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p058","passage_number":58,"word_count":132,"text":"Mag das falsch sein dem Inhalte nach - und Sie können in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» das Genauere darüber nachlesen -, mag das dem Inhalte nach falsch sein: Es liegt zugrunde dem etwas Bedeutsames, das wiederum zusammenklingt mit dem innigsten Zug deutschen Geisteslebens: Mystik als Streben, aber keine Mystik, die im Dunklen, Verworrenen die Weltenrätsel zu lösen versucht, die ablehnen will alle Unklarheit, wie so häufig es die Mystik will, die dilettantische Mystik nämlich, die verworrene Mystik, von der wir übermorgen etwas sprechen wollen. Das Streben [Hegels] ist mystisch, nämlich: die Seele zu vereinen mit dem Weltenweben selber. Aber das Ziel ist, dieses mystische Erleben zu erreichen nicht in einem dunklen Gefühls-Chaos oder in einem dunklen inneren visionären Chaos; sondern in voller Klarheit der Ideenwelt, in allgeistiger Klarheit der Ideenwelt."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p059","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p059","passage_number":59,"word_count":66,"text":"Und dieses mystische Verbinden in Klarheit, das ist einer der tiefsten Züge des deutschen Wesens. Man schreckt fast davor zurück, solch einen Zusammenhang des deutschen Wesens als Deutscher selbst zu finden, seine Bedeutung für das deutsche Wesen hervorzuheben. Deshalb lassen Sie mich eines anderen Charakteristik des deutschen Wesens einmal vor Ihnen vorbringen, sehr verehrte Anwesende. Da sagt jemand 1877, der es sich in seinem «Tagebuch» notiert:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p060","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p060","passage_number":60,"word_count":93,"text":"> «Vielleicht ist nur dem germanischen Geist das Bedürfnis eigen, aus sich selbst heraus zu denken, nach dem Urgrund der Dinge zu forschen. Die Slawen und Romanen stehen stärker unter der Herrschaft der Konvention, der Überlieferung, der Sitte, des Vorurteils, der Mode; und wenn sie sie durchbrechen, so geschieht es als Aufruhr und Empörung, ohne deshalb aus sich selbst heraus das den Dingen immanente Gesetz zu erkennen, ihren wahren Maßstab, nicht den geschriebenen, willkürlichen, hineinverlegten. Der Deutsche will bis zur Natur vordringen; der Franzose, der Spanier, der Russe bleibt bei der Konvention stehen.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p061","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p061","passage_number":61,"word_count":94,"text":"Damit man mir nicht den Vorwurf machen kann, ich charakterisiere aus einseitig nationalem Fühlen heraus, bringe ich Ihnen diese Charakteristik, die aus schmerzdurchwühlter Seele heraus geschrieben ist, vor, und die - sehr verehrte [Anwesende] -, kein Deutscher niedergeschrieben hat, sondern der französische Schweizer Amiel, 1877! Ich denke, es ziemt uns besser nachzusehen gerade bei den anderen, die vielleicht mehr Berechtigung noch haben aus ihrem Empfinden und aus ihrem Beobachten heraus, sich über die Beziehung des deutschen Geistes zu den anderen Volksgeistern Europas auszusprechen. Und derselbe Amiel schrieb sich 1875 in sein «Tagebuch» in Genf:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p062","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p062","passage_number":62,"word_count":38,"text":"> «Durst nach Wahrheit ist keine französische Leidenschaft. Mehr als das Wesen gilt der Schein, die Schale mehr als der Kern, die Form mehr als der Stoff, Glänzendes mehr als Fruchtbares, die öffentliche Meinung mehr als das Gewissen.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p063","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p063","passage_number":63,"word_count":15,"text":"So schreibt der französische Schweizer; wie gesagt, als Deutscher würde ich es nicht unmittelbar sagen."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p064","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p064","passage_number":64,"word_count":112,"text":"> «Mehr als das Wesen gilt der Schein, die Schale mehr als der Kern, die Form mehr als der Stoff, Glänzendes mehr als Fruchtbares, die öffentliche Meinung mehr als das Gewissen. Das bedeutet, dass der Schwerpunkt des Franzosen nicht in ihm selbst liegt, sondern in den anderen, in der großen Menge. Individuen sind Nullen; die Ziffer, die sie zur Zahl gestaltet, kommt von außen dazu: Das ist der Souverän, der Schriftsteller des Tages, die gelesenste Zeitung, mit einem Worte der augenblickliche Herr der Mode. All das lässt sich aus einer übertriebenen Geselligkeit ableiten, sie erstickt in der Seele den Mut, Widerstand zu leisten, die Urreilsfähigkeit, die persönliche Überzeugung, den Kultus des Ideals.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p065","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p065","passage_number":65,"word_count":25,"text":"So der Franzose Amiel über dasjenige, was ihm aufgefallen ist, allerdings ein Franzose, der deutsches Geistesleben kennengelernt hat. Sagt er doch selber, Amiel, schon 1862:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p066","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p066","passage_number":66,"word_count":150,"text":"> «Ich empfinde Gemeinsames mit einem Goethe, Hegel, Schleiermacher, Leibniz, die unter sich doch verschieden genug sind, während mich die französischen Philosophen, Schönredner oder Mathematiker trotz ihrer großen Eigenschaften kaltlassen, weil sie die Summe allgemeinen Lebens nicht in sich tragen, nicht die ganze Wirklichkeit beherrschen, mich knebeln oder misstrauisch machen. Was den Franzosen fehlt, ist unmittelbare Erkenntnis der lebendigen Einheit, Sinn für das Heilige, Gefühl für die Geheimnisse des Seins; was ihnen eignet ist die Begründung von Spezialwissenschaften, die Kunst, ein Buch zu machen, es ist Stil, Höflichkeit, Grazie, Geist der Ordnung, lehrhafte Kunst, Disziplin, Eleganz, Wahrheit im Einzelnen, Inszenierung, Bekehrungseifer, Stärke in praktischen Schlussfolgerungen. Aber für den Weg durch Inferno und Paradies bedarf man anderer Führer; sie haften auf der Erde, in der Region des Endlichen, Wechselnden, Historischen, Begrenzten. Mechanismus und Dualismus sind die Gipfelpunkte ihres Gedankenfluges. Um aus diesem Kreis heraustreten zu können, müssen sie sich Gewalt antun.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p067","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p067","passage_number":67,"word_count":179,"text":"In derselben Weise könnte man für andere westeuropäische Kulturen verfahren. Doch wichtiger ist es, einmal hinzusehen auf diese drei Geister, die eine deutsche Weltanschauung geschaffen haben, die wie der Hintergrund dasteht zu dem, was deutsches Geistesleben in Goethe, Schiller, Lessing, Herder und in den anderen zu ihnen Gehörigen, hervorgebracht hat als eine Blüte des geistigen Menschheitserlebens, die sich nur vergleichen lässt mit der Blüte, die im alten Griechentum vorhanden war. Wenn man aber gerade Fichte, Schelling, Hegel betrachtet, wenn man sie so im Zusammenhang betrachter, dann hat man ein besonderes Gefühl; man kann meinen, es spricht noch etwas ganz anderes, was in ihnen allen Dreien lebt, ein Höheres, als in jeder einzelnen Persönlichkeit zum Ausdruck kommt. Man spricht mehr als ein Bild aus, indem man diese Empfindung ausspricht: Wie durch diese drei Persönlichkeiten spricht sich der deutsche Volksgeist selber aus. Und das ist vielleicht die Lösung eines Rätsels, die uns auftauchen muss, wenn wir das, an diese drei Persönlichkeiten sich anschließende, allerdings vielfach verklungene und vergessene deutsche Geistesleben betrachten, auf das ich jetzt hinweisen will in einigen charakteristischen Strichen."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p068","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p068","passage_number":68,"word_count":116,"text":"Da erleben wir etwas ganz Besonderes. Es treten auf innerhalb einer mehr oder weniger verklungenen, vergessenen Strömung des deutschen Geisteslebens durch das ganze neunzehnte Jahrhundert herein bis in unsere Tage — nur hat man sich wenig mit diesem verklungenen Ton bis jetzt befasst -, es treten auf Geister, die in Bezug auf ihre geistige Verfassung, in Bezug auf den Umfang desjenigen, was sie wissen und können, in Bezug auf den Umfang ihres Genies, weit unter den Tonangebern Fichte, Schelling und Hegel stehen, die aber merkwürdigerweise, wenn man auf dasjenige, was heute durch Geisteswissenschaft angestrebt werden muss, sieht, die merkwürdigerweise Größeres geschaffen haben mehr der Geisteswissenschaft noch Entsprechendes geschaffen haben als die großen Anreger: Fichte, Schelling, Hegel."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p069","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p069","passage_number":69,"word_count":80,"text":"Die kleineren Geister, die hinterherkommen, sie schaffen Bedeutenderes als die Großen, die ihnen vorangegangen sind. Es ist eine auffallende Erscheinung. Gar zu sehr verwundern braucht es nicht, denn selbstverständlich: Derjenige, der nachkommt, hat es leichter; er kann als kleinerer Geist unter Umständen Größeres leisten als der, der ihm vorangegangen ist. Im Extrem kann sich ja das darinnen ausdrücken, dass jeder Schulbube den pythagoreischen Lehrsatz verstehen und durchdringen kann - und zu seinem ersten Erzielen war doch der Pythagoras selbst nötig."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p070","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p070","passage_number":70,"word_count":70,"text":"So mussten schon die Großen kommen; die Gescheiteren sind es schon, weisend in die geistige Welt hinein. Aber dasjenige, was durch sie aus dem deutschen Volksgeist gekommen ist, das lebt nun weiter. Wenn auch noch seelisch wie vielfach eingeengt und geistig wie umkreist - man kann auch von geistiger Einkreisung sprechen -, so bildet es doch den verschwundenen, den verklungenen Ton in der Weltanschauung, von der ich jetzt sprechen möchte."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p071","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p071","passage_number":71,"word_count":174,"text":"Da finden wir gleich, sehr verehrte Anwesende, den Sohn des großen Fichte, des Johann Gottlieb Fichte: Immanuel Hermann Fichte der unter den Anregungen seines Vaters gestanden hat. Aber wir finden ihn, wie er im Grunde genommen in die Geist-Erkenntnis tiefer hineinzudringen vermag wie sein Vater, trotzdem er ein viel kleinerer Geist ist als sein Vater. Immanuel Hermann Fichte spricht schon davon, dass der Mensch auf der einen Seite diese seine physische Welt [hat]. Er, Hermann Immanuel Fichte, nennt physisch die Stoffe und Kräfte, die auch die äußere physische Erdenwelt enthält. Durch diese physische Welt ist der Mensch verbunden mit den physischen Stoffen und Kräften der Erdenwelt, ist er verbunden mit dem, was zunächst in ihm als ein Vergangenes erscheint. Aber hinter diesem physischen Leib liegt für Hermann Immanuel Fichte das, was er nennt den ätherischen Leib; und so, wie der physische Leib in sich die Stoffe und Kräfte, so enthält der ätherische Leib Stoffe und Kräfte übersinnlicher Natur, die diesen inneren Menschen, diesen übersinnlichen Geistmenschen an die große Welt des Geistes anknüpfen und hineinstellen."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p072","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p072","passage_number":72,"word_count":61,"text":"So also schaut Immanuel Hermann Fichte hinter dem anderen Menschen den ätherischen Menschen, der für ihn eine Wirklichkeit ist, nicht etwa ein bloßes Bild. Und alles dasjenige, was Geisteswissenschaft in dem hier öfter in diesen Vorträgen angedeutetem Sinne über den ätherischen Leib zu sagen hat, über diese übersinnlichen Kräfte der Menschennatur — bei Immanuel Hermann Fichte findet es sich sehr schön."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p073","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p073","passage_number":73,"word_count":91,"text":"Aber, man möchte sagen: Auch in Bezug auf den Weg, der hier öfter charakterisiert worden ist, lebt unendlich vieles schon im Keime bei einem anderen, der der großen Zeit des deutschen Idealismus in der Weltanschauung Nachfolge leisten soll: Da sehen wir zum Beispiel Troxler. Wer kennt heute Ignaz Paul Vital Troxler? Wer liest Troxler? Wer kümmert sich heute - selbst unter denen, die Geschichte der Philosophie schreiben -, um Ignaz Paul Vital Troxler mehr, als dass er fünf bis sechs Zeilen hinpfahlen kann, die nichts besagen über Troxler! Wer ist Troxler?"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p074","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p074","passage_number":74,"word_count":79,"text":"Ignaz Paul Vital Troxler ist in der Tat ein Geist, der - wenn er auch, die Geisteswissenschaft, für die es ja erst heute an der Zeit ist, noch nicht voll beherrscht -, Troxler ist aber eine Persönlichkeit, welche auf dem Wege ist zu dieser geisteswissenschaftlichen Forschung. Da sehen wir denn, wie Troxler merkwürdige Worte prägt, die da zeigen, dass in seiner Seele etwas lebt von dem Lebendigen der Geisteswissenschaft selber. Merkwürdige Worte prägt Troxler wie «übersinnlicher Geist», «übergeistiger Sinn»."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p075","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p075","passage_number":75,"word_count":82,"text":"«Übersinnlicher Geist» - man kann das noch verhältnismäßig leicht verstehen; nun, «übersinnlicher Geist» ist eben dasjenige, was Goethe nennt «anschauende Urteilskraft». Denn - Goethe steht in seiner wirklichen Weltanschauung durchaus auf demselben Boden -, denn «übersinnlicher Geist» ist eben diejenige Kraft der menschlichen Seele, welche sich so entfaltet, dass ohne die Zuhilfenahme des Leibes, ohne äußere Sinne und ohne den an das Gehirn gebundenen Sinn, der Mensch unmittelbar wie eben den Geist selber [schaut], in die geistige Umwelt hineinschaut - «übersinnlicher Geist»."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p076","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p076","passage_number":76,"word_count":130,"text":"Aber «übergeistiger Sinn»? Damit zeigt Troxler, indem er vom «übergeistigen Sinn» spricht, dass ihm wirklich das Wesen der Geisteswissenschaft schon vor Augen steht. Ich habe es auch öfter erwähnt, wie es ja Leute gibt, idealistische Philosophen, die da sagen: Ja, gewiss, das ist ganz klar: Die physische Welt ist nicht die einzige; Geist ist hinter der physischen Welt vorhanden. Geist, Geist und immer wieder Geist — sagen sie. Und da kommt heraus jener Pantheismus, jene Weltanschauung, welche, nicht wahr, so eine allgemeine Geistes-Sauce ausbreitet - es spezialisiert sich das nicht, es ist nichts; vielleicht müsste man heute sagen statt «Sauce» «Tunke» -, [da kommt heraus jene Weltanschauung, welche] so eine allgemeine Tunke ausgebreitet denkt über alle dem, was als physischer Gegenstand und physische Tatsachen vor den Menschen tritt, nicht wahr."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p077","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p077","passage_number":77,"word_count":83,"text":"Aber das war nicht so bei Troxler der Fall! Troxler würde schon gesagt haben: Diejenigen, die nur in pantheistischer Weise von Geist, Geist und wieder Geist sprechen, die kommen mir so vor, wie wenn gesagt wird: Warum sollen wir denn von Tulpen oder von Lilien sprechen, von Schneeglöckchen sprechen zum Beispiel? Natur, Natur ist alles! Und warum sollen wir denn von einzelnen Experimenten im Laboratorium sprechen? Natur, Natur ist alles. Diejenigen, die so vom Naturalismus sprechen, sollten nur gleich /Lücke in der Mitschrift]"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p078","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p078","passage_number":78,"word_count":38,"text":"Aber darauf kommt es an, dass man nicht nur im Allgemeinen vom Geistigen schwätzt, sondern dass man darauf hinzuweisen vermag, dass eine geistige Welt uns umgibt, die ebenso aus einzelnen Wesenheiten, einzelnen Tatsachen besteht wie die physisch-sinnliche Welt."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p079","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p079","passage_number":79,"word_count":46,"text":"Daher spricht Troxler, weil er dies weiß, vom «übergeistigen Sinn» — was natürlich ein Bild ist, aber was bezeugt, dass man wirklich hineinschauen kann, hineinzuschauen vermag in die geistige Welt, und sie zu betrachten, zu beobachten hat in ihren Einzelheiten - nicht bloß als «allgemeine Geistestunke»."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p080","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p080","passage_number":80,"word_count":148,"text":"Und noch in anderer Weise spricht Troxler - 1835 in seinen «Vorlesungen über Philosophie» spricht er sehr schön über all diese Dinge -, noch in anderer Weise spricht Troxler von einer Art geisteswissenschaftlichem Wege, den er schon eingeschlagen hat. Da sagt er: Die schönsten Seelenkräfte, die den Menschen hier, insofern er in seinem physischen Leibe lebt, beherrschen, die der Mensch sich zu eigen machen kann, insofern die Seele sich durch den physischen Leib ausdrückt, diese Kräfte sind die des Glaubens, der Liebe, der Hoffnung. Aber nun — meint Troxler: Glaube, Liebe, Hoffnung, so groß und bedeutsam sie für das Leben sind, das die Seele im physischen Leibe verbringt, sie sind - dieser Glaube, diese Liebe, diese Hoffnung -, die äußere Hülle für geistige Kräfte der Seele, die dahinterstehen und die diese Seele erleben wird, wenn sie den Leib abgelegt hat und durch die Pforte des Todes getreten ist."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p081","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p081","passage_number":81,"word_count":78,"text":"Indem die Seele im Leibe lebt, lebt sie zunächst aus - durch die Organe des Leibes, selbstverständlich durch die feineren Organe des Leibes - die Glaubenskraft. [Aber, sagt Troxler, diese Kraft ließe sich nicht allein als Glaubenskraft, sondern - wie Troxler meint - als geistiges Hören, als Geistgehör in der Art erleben lassen, dass die Glaubenskraft die äußere, leibliche Hülle für ein Geistgehör der Seele werde; dieses Organ würde sich leibfrei erleben lassen - ein wunderbarer, großer Gedanke.]"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p082","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p082","passage_number":82,"word_count":156,"text":"Und die Liebe, diese Blüte des äußeren physischen Erdenlebens, diese höchste Entfaltung des äußeren physischen Erdenlebens, insofern die Seele im Erdenleben im physischen Leibe lebt: Für Troxler ist diese Liebe, diese Liebe-Kraft, könnte man sagen, die äußere Hülle wiederum für etwas, was die Seele im Inneren hat, was sich mit dieser Physis umhüllte. Und was Troxler nun anspricht als ein geistiges Tasten, geistiges Fühlen - wie man mit dem physischen heute die physischen Dinge anfühlt -, das liegt hinter der Liebe-Kraft. Wenn die Seele sich leibfrei zu machen vermag oder durch die Pforte des Todes tritt, dann entfalten sich ihre Geistorgane. Und wie sie durch das, was hinter der Glaubenskraft liegt, hört, was als Tatsachen die geistige Welt durchtönt, so vermag sie durch ihre [«tastenden»] Geistorgane, die die Seele aus sich ausstreckt, zu befühlen die geistigen Tatsachen und Wesenheiten. Während, wenn sie im physischen Leibe lebt, sich die geistigen Fühlkräfte, Tastkräfte als Liebe zur Offenbarung bringen."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p083","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p083","passage_number":83,"word_count":31,"text":"Und in einer ähnlichen Weise liegt hinter der Kraft des Hoffens, in der Kraft einer erwartungsvollen Zuversicht von irgendetwas, hinter dem liegt geistig für Troxler dasjenige, was er «geistiges Schauen» nennt."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p084","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p084","passage_number":84,"word_count":59,"text":"So also weiß Troxler, dass in dem physischen Leib des Menschen eine mit Geist-Gehör, Geist-Getast, GeistGesicht begabte Seele wohnt, die mit diesen drei Kräften ausgestattet durch die Pforte des Todes geht, die aber auch zu erleben vermag, wenn sie sich unabhängig macht von dem Gebundensein an den Leib, die zu erleben vermag das, was geistig uns umwebt und umweht."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p085","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p085","passage_number":85,"word_count":60,"text":"Und zum Beispiel spricht Troxler aus, wie er denkt - und das möchte ich Ihnen gleich zu Gehör bringen in seinen eigenen Worten -, er weist zugleich darauf hin, dass er in Bezug auf ein solches Anschauen der Welt gewisse Genossen hat. Er weist auf diese oder jene Geister hin. Eine dieser Stellen möchte ich Ihnen wörtlich vorlesen. Er sagt:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p086","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p086","passage_number":86,"word_count":227,"text":"> «Schon früher haben die Philosophen einen feinen, hehren Seelleib unterschieden von dem gröberen Körper [oder in diesem eine Art von Hülle des Geistes angenommen), eine Seele, die ein Bild des Leibes an sich habe, das sie Schema nannten, und das ihnen der innere, höhere Mensch war. [Dieser Ansicht, mag sie auch nur eine Erklärung sein, huldigten auch die meisten der ersten großen Kirchenväter, wie Origines, Irenäus, Lactantius, Tertullian, Augustinus.] In der neuesten Zeit selbst Kant in den Träumen eines Geistersehers träumt ernsthaft im Scherze einen ganzen, inwendigen, seelischen Menschen, der alle Gliedmaßen des auswendigen an seinem Geistesleib trage. Lavater dichtet und denkt ebenso; und selbst, wenn Jean Paul humoristisch über das Bonner’'sche Unterziehröckchen und das Platner’sche Seelenschnürleibchen scherzt, die im gröberen Körperüberrock und Marterkittel stecken sollen, so hören wir ihn doch auch wieder fragen «wozu und woher wurden diese außerordentlichen Anlagen und Wünsche in uns gelegt, die bloß wie verschluckte Diamanten unsere erdige Hülle langsam verschneiden? [Warum wurde ich auf dem schmutzigen Erdenkloß ein Geschöpf mit unnützen Lichtflügeln geklebt, wenn es in die Geburtsscholle zurückfaulen sollte, ohne sich je mit ätherischen Flügeln loszuwinden». «Der innere Mensch, sagt er sogar an einem andern Orte, dieser «verhüllte Gott in der Natur, ist nicht selber von Stein, wie diese.] In den steinernen Gliedern» — des Menschen — «wachsen und reifen seine lebendigen nach einer uns unbekannten Lebensweise. Wir könnten»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p087","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p087","passage_number":87,"word_count":3,"text":"sagt Troxler weiter"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p088","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p088","passage_number":88,"word_count":80,"text":"> «noch eine Unzahl ähnlicher Denk- und Dichtweisen anführen, welche am Ende nur verschiedene Anschauungen und Vorstellungen sind, in welchen [sich die eine evangelisch-apostolische Idee offenbart, die Paulus an die Korinther aussprach, indem er sagte: «Ein Leib, den die Seele belebte, wird hingesenket, und ein Leib, den der Geist belebt, stehet auf, denn es gibt einen beseelten Leib, so gibt es auch einen vergeistigten Leib. Und darin ist] die wahre, einzige Lehre von der Individualität und Unsterblichkeit des Menschen enthalten.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p089","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p089","passage_number":89,"word_count":193,"text":"Und nun entsteht vor Troxler ein merkwürdiger - ich möchte sagen - einschneidender Gedanke. Er denkt etwa das Folgende. Es geht ganz klar hervor, wenn man seine verschiedenen Schriften auf sich wirken lässt, insbesondere seine 1835 schon geschriebenen und gehaltenen Vorlesungen über jene Gegenstände. Folgender Gedanke steht vor Troxlers Seele: Es gibt eine Anthropologie, eine Kenntnis vom Menschen, sagt er. Wie entsteht sie - eine Kunde vom Menschen? Der Mensch lernt es dadurch kennen, wenn er betrachtet, was man vom Menschen mit den Sinnen und mit dem Verstande betrachten kann, der an das Gehirn gebunden ist - da entsteht die Anthropologie. Aber dieser Mensch, der mit den Sinnen schaut, durch den Verstand beobachtet - in diesem Menschen lebt der höhere Mensch. Und wir haben gesehen, wie deutlich sich Troxler auszusprechen weiß über diesen höheren Menschen. Dieser höhere Mensch mit seinem «übergeistigen Sinn» und mit seinem «übersinnlichen Geist», der kann nun auch dasjenige, was am anderen Menschen übergeistig und übersinnlich ist, betrachten. Dann entsteht so, wie auf einem niedereren Gebiet die Anthropologie entsteht, so entsteht eine höhere Wissenschaft: die Wissenschaft des Geistmenschen - Anthroposophie. Und darüber spricht sich Troxler in der folgenden Weise aus:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p090","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p090","passage_number":90,"word_count":89,"text":"> «Wenn es nun höchst erfreulich ist, dass die neueste Philosophie, welche [wir längst als diejenige anerkannt haben, die alle lebendige Religion begründet und] in jeder Anthroposophiel, also in Poesie, wie in Historie] sich offenbaren muss, emporwindet, so ist doch nicht zu übersehen, dass diese Idee nicht eine Frucht der Spekulation sein kann, und die wahrhafte Persönlichkeit oder Individualität des Menschen weder mit dem, was sie als subjektiven Geist oder endliches Ich aufstellt, noch mit dem, was sie als absoluten Geist oder absolute Persönlichkeit diesem gegenüberstellt, verwechselt werden darf.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p091","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p091","passage_number":91,"word_count":11,"text":"Von einer Begründung einer «Anthroposophie» im Gegensatz zur «Anthropologie» spricht Troxler!"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p092","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p092","passage_number":92,"word_count":121,"text":"Und man hat daher ein Recht, von den Keimen desjenigen, was jetzt aus dem Weltall heraus in die Geistentwicklung der Menschheit als Geisteswissenschaft einverleibt werden muss [zu sprechen]. Man hat ein Recht, von dem so zu sprechen, dass es bei diesen Persönlichkeiten als Keim vorhanden ist. Diese Keime aber, sehr verehrte Anwesend, liegen fest verankert im deutschen Geistesleben, ganz seiner Natur nach. Nur andeuten kann ich, wie fest verankert diese Dinge im deutschen Geistesleben sind. Und wie das deutsche Geistesleben gar nicht anders kann, durch seine innerste Wesensentfaltung, als solches hervorzubringen. Überall, wenn wir zurückschauen, finden wir, wie in diesem deutschen Geistesleben fest begründet ist dasjenige, von dem man hoffen muss, dass es sich als Geisteswissenschaft der zukünftigen Menschheitsentwicklung einverleiben kann."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p093","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p093","passage_number":93,"word_count":79,"text":"Vielfach ist vergessen worden solch ein Ton; verklungen ist er. Aber, sehr verehrte Anwesende, vorhanden ist er deshalb doch! Und er konnte leben auf den verschiedensten Gebieten. Nicht nur lebt er gewissermaßen in den geistigen Höhen, sondern überall, wo es geistiges Streben eben gab, gab es auch solche Bestrebungen wie diese. Und es wird die Zeit kommen müssen, wo man wiederum Verständnis dafür gewinnt, was das tiefste Wesen des deutschen Strebens ist, und dass dieses wieder heraufgeholt werden muss."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p094","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p094","passage_number":94,"word_count":82,"text":"Vieles hat gerade dieses Innerste des deutschen Wesens zugedeckt! Das sieht man, wenn man versucht, auf ganz bestimmten, speziellen konkreten Gebieten das deutsche Wesen aufzusuchen. Seit dreiunddreißig Jahren, sehr verehrte Anwesende, bemühe ich mich - verzeihen Sie, wenn ich da eine persönliche Note anschlage -, seit dreiunddreißig Jahren bin ich bemüht, zu zeigen, welche Bedeutung Goethes Farbenlehre für eine wahre, in das Wesen der Dinge eindringende Naturerkenntnis hat, und welche Bedeutung der Streit Goethes gegen den im britischem Volkstum steckenden Newton hat!"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p095","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p095","passage_number":95,"word_count":101,"text":"Aber - wie gesagt - nicht bloß das äußere politische Leben ist eingekreist, sondern tief, tief beeinflusst von der brutal zu nennenden ausländischen Wissenschaftsgesinnung ist es so weit gekommen, dass für den Physiker es heute noch eine Lächerlichkeit ist, von der Berechtigung von Goethes Farbenlehre zu sprechen! Aber es wird, wenn auf diesem Gebiete einmal tiefer erkannt wird, schon die Zeit kommen, wo das Kapitel «Goethe im Recht gegen Newton» gerade auf dem Boden einer Geistigkeit des urdeutschesten Wesens wieder aufleben wird; und in ganz anderer Weise wieder aufleben wird, als man es vielleicht heute noch sich nicht träumen lassen wird."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p096","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p096","passage_number":96,"word_count":210,"text":"Man muss es dann schon ertragen können, dass man in voller Einsicht für dasjenige, was einmal kommen muss, was einmal erkannt werden muss, dass man, wenn man es vorher vertritt, wie ein Narr angesehen wird. Aber, wie gesagt, nicht bloß auf den geistigen Höhen, sondern vielfach im deutschen Wesen lebt das eben charakterisierte Streben. Hunderte und Hunderte von Fällen könnte ich Ihnen anführen dafür; einer für viele sei angeführt, weil wir ja nicht Zeit haben, vieles anzuführen. Einer für viele sei angeführt: Da möchte ich hinweisen auf ein kleines, 1856 erschienenes Büchelchen von einem einfachen Pfarrer Rocholl in Sachsenberg im Fürstentum Waldeck - ein kleines Büchelchen. 1856 ist es erschienen, und nennt sich «Beiträge zur Geschichte einer deutschen Theosophie». Man mag heute vieles phantastisch finden, was in diesem Büchelchen steht; man mag sogar in vielem recht haben, was man sagen will, wenn man das Büchelchen phantastisch nennt. Aber dieses 1856 erschienene Büchelchen zeigt den Pfarrer Rocholl drinnenstehend in einem wachen, wahren Geistesstreben, das wenigstens will in die Welterscheinungen eindringen mit «übergeistigem Sinn», mit «übersinnlichem Geist». Und in weiten Umblicken geistiger Art wird zu charakterisieren versucht, wie Naturleben und Geistesleben, sinnliches Leben eines sind, und wie göttlich-geistige Kräfte weben und wirken, und wie der Mensch die Möglichkeit hat, zu ihnen emporzudringen."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p097","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p097","passage_number":97,"word_count":64,"text":"Die Höhe der Bildung, die Tiefe des Wissens, das sind die Dinge, die in solchen Erscheinungen - die, wie gesagt, leicht verlacht werden können - zum Vorschein kommen. Aber auch auf anderen Gebieten, bei anderen Persönlichkeiten tritt uns solches entgegen. Da möchte ich vor allen Dingen, sehr verehrte Anwesende, auf einen Geist hinweisen, der leider, leider nur allzu vergessen dasteht, auf Christian Karl Planck."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p098","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p098","passage_number":98,"word_count":72,"text":"Nachdem der Schwaben-Vischer - der V-Vischer - in einem Aufsatz auf ihn hingewiesen hat - habe ich wieder versucht, in der neueren Zeit, schon in der ersten Auflage meiner «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert» auf diese urdeutsche Weltanschauungspersönlichkeit, Christian Karl Planck, wieder hinzuweisen. Allein was hilft einem das heute? Die Leute haben in der Regel anderes zu tun, als dasjenige anzuschauen, was mit deutschem Wesen, was auch mit urdeutschestem Wesen zusammenhängt."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p099","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p099","passage_number":99,"word_count":51,"text":"Ich kann nur hier in kurzer Weise charakterisieren, was Plancks urdeutsches Wesen war. Und bei ihm war es ganz gewiss aus deutschem Wesen heraus erfasst, was er darstellte. Wir werden gleich nachher sehen, wie bewusst das war, was seine Grundlage der Weltanschauung ist. Ich will es an einem Beispiel anschaulich machen."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p100","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p100","passage_number":100,"word_count":154,"text":"Wenn heute die Menschen die Erde betrachten als Naturwissenschafter, so sehen sie sie eben etwa an - sagen wir —, wie ein Geologe sie ansehen wird. - Da wird die Erde betrachtet so, wie sie aus den mineralischen Kräften sich auferbaut, wie man das aus der Geologie gekannt hat. Für Planck wäre eine solche Betrachtung der Erde nicht ohne höhere Weltanschauungsfragen in Betracht gekommen. Das wäre für ihn so gewesen, wie wenn einer einen Baum betrachten würde, und nur gelten lassen wollte das Holz und die Rinde, aber nicht die Blätter und die Blüten und die Früchte! Es ist für ihn klar, dass die Blätter, die Blüten und Früchte mit dem zusammenhängen, was zum Wesen des Baumes gehört, und dass derjenige nicht den vollen Baum betrachtet, der nur das Holz und die Rinde und die Wurzeln betrachten würde. Das erschien Karl Christian Planck als eine Erdenbetrachtung, die nur im Sinne der Geologie gehalten ist."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p101","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p101","passage_number":101,"word_count":89,"text":"Die volle Erdenbetrachtung ist für Planck nicht nur ein beseeltes, sondern ein geistig-seelisches Wesen. Und der Mensch, wie er als physischer Mensch auf der Erde herumwandelt, gehört zur Erde, zu dem Wesen der Erde, das man zu suchen hat, wenn man die Erde erkennen lernen will, so, wie man das Wesen der Früchte und der Blüten und Blätter mit dem Wesen des Baumes zusammen sehen muss, wenn man den Baum erkennen will in seinem Wesen; eine Weltanschauung - ich möchte sagen — echt geistgemäß und echt vom Leben durchwebt."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p102","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p102","passage_number":102,"word_count":90,"text":"Viele Bücher hat Christian Karl Planck geschrieben, um sich Geltung zu verschaffen; es ist ihm nicht gelungen! 1864 zum Beispiel hat er ein Buch geschrieben, seine «Grundlinien einer Wissenschaft der Natur». Und aus diesem Buche will ich eine Stelle vorlesen, um den Beweis zu liefern, wie sehr dieser Christian Karl Planck angehört jenem vergessenen, verklungenen Ton des deutschen Geisteslebens - der deutschen Geistesentwicklung, die für manche der Persönlichkeiten bewusst war, die für ihn gewirkt haben, wie das Schaffen aus der Urkraft des deutschen Volkstums heraus ist. Da sagt Planck 1864:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p103","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p103","passage_number":103,"word_count":11,"text":"> «Welche Macht tiefgewurzelter Vorurteile von der bisherigen Anschauung aus seiner»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p104","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p104","passage_number":104,"word_count":2,"text":"des Verfassers"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p105","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p105","passage_number":105,"word_count":100,"text":"> «Schrift entgegensteht, dessen ist er sich vollkommen bewusst; allein wie schon die Arbeit selbst, trotz aller Ungunst der Umstände, die zufolge der ganzen Lage und Berufsstellung des Verfassers einem Werke dieser Art sich entgegenstellte, doch ihre Durchführung und ihren Weg in die Öffentlichkeit sich erkämpft hat, so ist er auch gewiss, dass das, was sich jetzt erst seine Anerkennung erkämpfen muss, einst als die einfachste und selbstverständlichste Wahrheit erscheinen wird, und dass darin nicht bloß seine Sache, sondern die wahrhaft deutsche Anschauung der Dinge über alle noch unwürdig äußerliche und undeutsche Auffassung der Natur und des Geistes siegen wird.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p106","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p106","passage_number":106,"word_count":58,"text":"Die Menschen, die andere Denkgewohnheiten haben, sehen es zuerst als reine Narrheit an -, dann wird es eine Selbstverständlichkeit. So ging es auch der kopernikanischen Weltanschauung; so ging es allem, was der Weltanschauungsentwicklung der Menschheit angehört. Und Planck sagt Worte, die beweisen, wie er bewusst aus deutschem Geiste heraus zu seiner geistgemäßen Weltanschauung drang. Und er sagt weiter:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p107","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p107","passage_number":107,"word_count":43,"text":"> «Was in unbewusster tiefsinniger Ahnung schon unsere mittelalterliche Dichtung vorgebildet hat, das wird endlich in der Reife der Zeiten an unserer Nation sich erfüllen. Die unpraktische, mit Schaden und Spott heimgesuchte Innerlichkeit deutschen Geistes (wie Wolfram sie in seinem Par sifal schildert)»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p108","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p108","passage_number":108,"word_count":5,"text":"1864, vor Wagners Parsifal geschrieben!"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p109","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p109","passage_number":109,"word_count":64,"text":"> «erringt endlich in der Kraft ihres unablässigen Strebens das Höchste; sie schaut den letzten einfachen Gesetzen der Dinge und des menschlichen Daseins selbst auf den Grund; und was die Dichtung phantastisch mittelalterlich in den Wundern des Grals versinnbildlicht hat, dessen Herrschaft ihr Held erringt, das erhält umgekehrt seine rein natürliche Erfüllung und Wirklichkeit in der bleibenden Erkenntnis der Natur und des Geistes selbst.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p110","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p110","passage_number":110,"word_count":186,"text":"1864 schrieb das Karl Christian Planck; 1880 ist er gestorben. In den letzten Jahren hatte er sein «Testament eines Deutschen» geschrieben, worinnen er alle einzelnen Linien seiner Weltanschauung zusammengefasst hat. 1912 ist es in zweiter Auflage erschienen, dieses «Testament»; man hat sich nicht viel darum gekümmert, nicht viel damit befasst. Man hatte ja mit anderen Werken, die in demselben Verlag erschienen waren dazumal, zu tun! Man hatte sich zum Beispiel zu beschäftigen mit einer Weltanschauung, die wahrhaftig keine aus deutschem Wesen irgendwie hervorgegangene oder gar mit ihm verwandte ist! Das Genauere können Sie nachlesen in meinen «Rätsel der Philosophie». Die betreffende Stelle ist aber nicht etwa durch den Einfluss des Krieges geschrieben, sondern sie ist vor dem Kriege längst geschrieben gewesen. Die Leute hatten dazumal, 1912, zu sehr damit zu tun, Henri Bergson - ja, er heißt heute noch immer Bergson, Henri Bergson heißt er noch immer -, sich mit diesem Henri Bergson zu befassen, der, wie ich schon das vorige Mal angeführt habe, alles Mögliche an verleumderischem Zeug an hervorragender Stelle des geistigen Wirkens seinen Parisern erzählt! Nächstens wird er es auch in Schweden tun."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p111","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p111","passage_number":111,"word_count":123,"text":"Wenn man diesen Bergson betrachtet: Einen Zug seiner Philosophie lassen Sie uns nur hervorheben, einen Zug, der an ein richtig heute zu Erkennendes allerdings anklingt; das ist der Zug, wo er sagt - ich könnte natürlich vieles hervorheben unter anderem auch -, den schönen Satz, der so viel durch ganz Europa bewundert worden ist: dass man das Seelische nur erkennen kann, wenn man es in seiner Dauer begreift und namentlich den Satz begriffe in Bezug auf das Seelenwesen «Die Dauer dauert». - Ich habe unendlich viel darüber lesen müssen über diesen unendlich geistreichen Satz von Henri Bergson: «Die Dauer dauert». Ich habe es nie anders finden können, als wenn man sagt «Das Holz holzt» oder «Das Geld geldet». Aber sehen wir davon ab."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p112","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p112","passage_number":112,"word_count":81,"text":"Mit einer Weltanschauung, die immerhin fruchtbar ist, würde man nur zurechtkommen, wenn man nicht in abstrakter Weise, so wie mancher, der absieht davon, tatsächlich bei den unvollkommensten Wesen anzufangen und bis herauf zum Vollkommensten zu gehen, und glaubt, eine vollkommene Herleitung zu haben, sondern wenn man vom Vollkommensten, vom Menschen ausgehe und den Menschen an den Ursprung stelle, und dann die andern Reiche - Tiere, Pflanzen, Mineralien — betrachte und so betrachte, dass sie wie Abfälle aus der Gesamtströmung entstanden seien."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p113","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p113","passage_number":113,"word_count":92,"text":"Gewiss, ein guter Gedanke. Aber er wird in einer leicht geschürzten Weise hingestellt von Henri Bergson. Und was das Wesentliche ist: Lange, bevor Bergson es ausgesprochen hat - ich weise darauf hin im zweiten Band meiner «Rätsel der Philosophie» - ist dieser Gedanke ausgesprochen worden - 1882 schon - von dem deutschen Geiste Wilhelm Heinrich Preuss, zuletzt in seinem Buch «Geist und Stoff», aber auch schon in früheren Büchern! Da finden wir diesen Gedanken kräftig aus jener Grundlage heraus ausgesprochen, die ich eben charakterisiert habe als gerade die Grundlage des deutschen Wesens."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p114","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p114","passage_number":114,"word_count":105,"text":"Man kann nun zweierlei annehmen: Bergson, der diesen Gedanken später ausgesprochen hat, der Heinrich Preuss vielleicht nicht gekannt hat - was bei einem Philosophen ebenso unverzeihlich ist, wie wenn er ihn gekannt hätte und nicht erwähnt, dass er diesen Gedanken von dieser Quelle her hat -, das letztere könnte man schon glauben, nachdem es nun herausgekommen ist, dass ganze Seiten der Bergson’schen Bücher von Schelling oder Schopenhauer abgeschrieben sind! Allerdings - ein Grundzug der Zeit, nicht wahr, sich zu stellen zu der deutschen Kultur, die einem «mechanistisch» erscheint, von der er sagt, dass sie von ihrer großen Höhe heruntergekommen ist und nur noch Mechanistisches bildet."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p115","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p115","passage_number":115,"word_count":66,"text":"Ich sagte es schon einmal: Er wollte wohl erwarten, dass, wenn die Franzosen mit Flinten und Kanonen schießen, dass dann die Deutschen kommen und Novalis und Goethe zitieren! Das wird er doch wohl kaum vorausgesetzt haben, nicht wahr? Aber er spricht von der «mechanistischen Kultur». Ich möchte wissen: Ist das das Gegenbild des «Mechanischen», wenn man ganze Seiten abschreibt von deutschen Philosophen und diese hinterher verleumdet!"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p116","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p116","passage_number":116,"word_count":145,"text":"Doch wir erfahren ja so manches auf diesem Gebiet, und man muss sich schon mit diesen Dingen zurechtfinden. Aber gerade dadurch kann man sich nur zurechtfinden, sehr verehrte Anwesende, dass man versucht, als in Mitteleuropa lebender Mensch heute sich zu vertiefen in dasjenige, was von einer gewissen Seite her dieses mitteleuropäische und vor allem das deutsche Wesen zu entfalten vermag die Kraft, die heute in äußerer Weise in der physischen Welt da sein muss, damit in unserer schicksaltragenden Zeit das Deutsche sich erwehrt gegenüber allen anstürmenden Feinden. Diese selbe Kraft lebt, indem sie sich nur in einer anderen Weise äußert, in dem deutschen Geisteswesen. Beides gehört innig zusammen. Beides ist nicht völlig da zu trennen. Darauf wird doch die Geschichte zu sprechen kommen müssen in fernen Zeiten, wenn man beurteilen wird gerade die heutige, schicksaltragende Lage gerade des mitteleuropäischen deutschen Volkes innerhalb dieser schicksaltragenden Zeit."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p117","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p117","passage_number":117,"word_count":91,"text":"Man braucht ja nur einzelne Zahlen, sehr verehrte Anwesende, ins Auge zu fassen, Zahlen aber, welche in die fernsten Zeiten sprechen werden, Zahlen, die uns etwa einfallen müssen, wenn man folgende Fragen stellt: Was steht denn da gegenüber eigentlich dem, was in Mitteleuropa sich mit dem eben charakterisierten Geistesinhalt zu entfalten hat? Kleinere Völker gar nicht mitgerechnet: 741 Millionen Menschen umkreisen 150 Millionen Menschen in Mitteleuropa! Und haben diese 741 Millionen Menschen, die den 150 Millionen Menschen gegenüberstehen, Anlass, ihnen den Boden zu neiden, auf dem diese 150 Millionen Menschen stehen?"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p118","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p118","passage_number":118,"word_count":67,"text":"Da braucht man sich nur zu erinnern, dass diese, Mitteleuropa einkreisende Menschheit 69 Millionen Quadratkilometer von der Erde besitzt - gegenüber 5 bis 6 Millionen Quadratkilometer der mitteleuropäischen Bevölkerung! 69 Millionen Quadratkilometer gegenüber 6 Millionen Quadratkilometer in Mitteleuropa! 9,5 Prozent der Erdenbevölkerung stehen 47 Prozent der Erdenbevölkerung gegenüber! Also: Die halbe Welt ist gegen Mitteleuropa aufgerufen. Das wird einmal also in einfachen Zahlen vor der Geschichte dastehen!"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p119","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p119","passage_number":119,"word_count":60,"text":"Und wie betrachtet diese umkreisende Bevölkerung, die nicht einmal auf unmittelbaren Kampf baut, sondern auf Aushungern baut, wie betrachtet diese umliegende Bevölkerung gerade in geistigen Vertretern diese Bevölkerung, diese mitteleuropäische Kultur, von der man — das Gelindeste, was man hören kann - sagt: Der Geist — dieser Geist, der ringsherum ist -— kämpfe gegen die rohe Materie in der Mitte!"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p120","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p120","passage_number":120,"word_count":199,"text":"Und diese Anschauung, wir finden sie in einer gewissen Abänderung auch, wenn wir hinüberblicken nach dem Osten. Und da finden wir, wie sich durch das ganze neunzehnte Jahrhundert entwickelt, man kann sagen aus dem einfachen russischen Volke heraus, das zu ganz anderem veranlagt ist - Sie können das Genauere in meinem Büchelchen «Gedanken während der Zeit des Krieges» nachlesen, das bald wiederum zu haben sein wird, augenblicklich ist es vergriffen - da finden wir, wie sich aus diesem russischen Volke heraus entwickelt eine russische Intelligenz - aber man könnte auch die Entwicklung auf anderen Gebieten verfolgen -, die hinaufwächst zu ganz, ganz merkwürdigen Anschauungen. Man müsste vieles von dem wiederholen, was in meinem Büchelchen «Gedanken während der Zeit des Krieges» steht - und man müsste vieles zu dem hinzufügen, wenn man nur einigermaßen charakterisieren wollte jenen Zug, der durch das russische Geistesleben, das Geistesleben der Intelligenz geht, der aus dem Glauben schöpft, dass Mitteleuropa namentlich, aber auch Westeuropa, im Grunde genommen eine altgewordene, greisenhafte Kultur habe, und dass diese ersetzt werden müsse durch die Kultur des Ostens, dass diese Kultur des Ostens jung und frisch ist und hereingetragen werden müsse nach Europa, weil innerhalb Europas alles greisenhaft geworden sei."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p121","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p121","passage_number":121,"word_count":182,"text":"Da finden wir zum Beispiel - nur um einiges anzuführen, ich könnte natürlich ganze Stunden lang über diese Sache reden -, da finden wir zum Beispiel wie schon 1827 Kirejewskij einen Ton angibt, den man dann aber immer wieder und wiederum findet. Nur, man hat Verschiedenes getan, damit namentlich die guten Deutschen nicht aufmerksam werden sollen auf diesen Ton; man hat da manchmal merkwürdige Wege gesucht, damit die Deutschen nicht aufmerksam werden sollen auf diesen Ton. Einer dieser Wege ist der: Nach dem Vortrage, den ich an verschiedenen Orten gehalten habe über Tolstoi, wird mir niemand zuschreiben, dass ich Tolstoi nicht gerade für einen Geist allerersten Ranges schätze; aber gerade bei Geistern allerersten Ranges, die man nicht als Geister zu bekämpfen braucht, kann man die charakteristischen Eigentümlichkeiten finden, die sich aus ihrem Volkstume heraus in ihnen ausbilden. Nun findet man selbst bei belletristischen Werken Tolstois auch diesen Ton, dieses von der Abgelebtheit und Greisenhaftigkeit des mittel- und westeuropäischen Geisteslebens. Aber, Sie werden sagen: Man hat doch Tolstois Werke gelesen, man kann sich gar nicht besinnen darauf, dass man das darin gefunden hat!"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p122","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p122","passage_number":122,"word_count":90,"text":"Da liegt nämlich etwas Eigentümliches vor. Bis Raphael Löwenfeld am Ende der 1890er-Jahre seine Gesamtausgabe - die getreu ist -, seine Gesamtausgabe der Werke Tolstois herausgegeben hat, sind in allen früheren Übersetzungen diejenigen Stellen, die sich gegen das Deutschtum richteten, gestrichen in den Werken der Übersetzung! Alle die Werke, die vor der Gesamtausgabe von Löwenfeld übersetzt sind - und wer hat gerade die Gesamtausgabe von Löwenfeld in der Hand gehabt? -, alle die Werke Tolstois, die von anderen vorher übersetzt sind, sind in dieser Weise dem deutschen Volke vorgeführt worden!"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p123","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p123","passage_number":123,"word_count":3,"text":"1829 sagte Kirejewskij:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p124","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p124","passage_number":124,"word_count":65,"text":"> «Das Schicksal jedes europäischen Staates hängt von der Vereinigung aller übrigen ab; — das Schicksal Russlands hängt von Russland allein ab. Aber das Schicksal Russlands ist in seiner Bildung beschlossen: Diese ist die Bedingung und Quelle aller Güter. Sobald alle diese Güter unser sein werden, — werden wir uns dieselben mit dem übrigen Europa teilen, und unsere ganze Schuld werden wir ihnen hundertfach heimzahlen.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p125","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p125","passage_number":125,"word_count":161,"text":"Sie sehen, was hier für ein Hintergrund vorliegt - Europa russisch zu machen und dann großmütig dem Einzelnen das zuweisen, was man ihm zuweisen will. Und im Ernste: Dieser Ton geht durch das ganze russische Geistesleben. Und in einer merkwürdigen Weise tritt er ja dann an verschiedenen Stellen in der neueren Zeit auf. So zum Beispiel gibt es in [Michajlovskij] einen russischen Geist, der dieses - wie er meint - merkwürdig greisenhafte, verkrüppelte, verrohte Geistesprodukt Mitteleuropas, den Goethe’schen «Faust», einmal hernimmt und sagt: Was ist denn dieser Goethe’sche «Faust» eigentlich als so eine Persönlichkeit? Nun ja, so wie man in Mitteleuropa nach einer Metaphysik strebt, so strebt ja der Faust metaphysisch. —- Er braucht ja den Ausdruck, dieser Michajlovskij: Ein Metaphysiker sei überhaupt ein Mensch, der vor Fett toll geworden ist! Ich weiß nicht, wie viele Metaphysiker man gerade mit dieser Eigenschaft kennengelernt hat?! Aber den Goethe’schen Faust betrachtet er als einen solchen Metaphysiker, der allem menschlichen Leben fremd geworden ist."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p126","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p126","passage_number":126,"word_count":224,"text":"Aber gehen wir an das Ende des neunzehnten Jahrhunderts; da finden wir einen solchen Geist wie Sergius Jushakow; er hat ein Buch geschrieben, 1885; es gibt vieles von dem wieder, was gerade in diesem genannten russischen Geistesleben liegt: Er verachtet Westeuropa als etwas Greisenhaftes! Da sagt er, Jushakow: Schauen wir hinüber nach Asien, da finden wir drüben die Früchte der europäischen Kultur, die durch Russland ausgemerzt werden muss und durch etwas anderes ersetzt werden muss. Schauen wir hinüber nach Asien, da finden wir diese westund mitteleuropäischen Früchte der Kultur. Da finden wir diese asiatischen Völker, und es erinnert Jushakow an eine asiatische Legende, die wahr ausdrückt dasjenige, was in der Entwicklung der asiatischen Völker liegt. Er sagt: Diese asiatischen Völker haben selber ihr Schicksal ausgedrückt, indem sie von Ormuzd und Ahriman gesprochen haben. Da sind die iranischen Völker, zu denen auch die Perser, die Hindus gehören; sie haben zu kämpfen gehabt gegen die turanischen Völker, die unter der Führung des Ahriman stehen. Und als Ormuzds Leute haben die Iranier, zu denen die Perser und Hindus stehen, dasjenige was Ahriman an der Spitze der Turanier ihnen entreißen wollte, weil er sie zu Not und Elend zwingen wollte —, was sie sich materiell und geistig erobert haben durch ihre Kultur, das haben sie sich erobert durch die Güte des guten Geistes Ormuzd gegen den bösen Ahriman."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p127","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p127","passage_number":127,"word_count":82,"text":"Dann aber sind, nach Jushakows Meinung, die bösen Europäer gekommen und haben nicht geholfen den Asiaten, ihre Ormuzd-Kultur fortzusetzen, sondern sind gekommen, um ihnen wegzunehmen dasjenige, was sie unter Ormuzd bekommen haben, und sie zu überliefern aller Knechtschaft und Gefahren der Ahriman-Kultur. Da hat Russland einzutreten gegen diese unfriedliche, Unliebe-erfüllte westeuropäische Kultur. Da hat Russland sich hinüberzuneigen, sagt Jushakow, nach Asien, und sich zu verbinden mit den unter Ahriman schmachtenden, asiatischen Völkern, um sie zu retten vor dem Parasitentum der westeuropäischen Kultur."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p128","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p128","passage_number":128,"word_count":119,"text":"Zwei Mächte, sagt Jushakow, werden es sein, die sich verbinden werden, zwei Mächte, welche ausdrücken die größten, die bedeutsamsten, die stärksten Kulturkräfte der Zukunft. Zwei Mächte werden es sein, die nach Asien von Russland hinüberblicken werden - nicht ich sage es, Jushakow sagt es; wenn es also befremdend klingt, so werden Sie Jushakow lesen! -, zwei Mächte sind es: Das einfache russische Bauerntum wird sich verbinden mit dem größten Träger, mit dem adligsten Träger des Geisttums, mit dem Kosakentum! Bauern und Kosaken werden aus den Klauen der Westeuropäer die asiatische Bevölkerung retten und die alte asiatische Kultur. Das wird die Welt einstmals Russland und seiner Mission verdanken, die zusammengesetzt wird aus den Taten der Bauern und der adeligen Kosaken."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p129","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p129","passage_number":129,"word_count":78,"text":"Das Buch, das Sergius Jushakow schreibt, 1885, heißt: «Der» - ja, es heißt «Der englisch-russische Konflikt». Und er charakterisiert die asiatischen Völker in dem, was sie erlitten haben vom Westeuropäischen aus. Er sagt da zum Beispiel: Diese asiatischen Völker werden von den Westeuropäern betrachtet, - er konnte ja nicht die Deutschen nehmen; also er nahm nicht die Deutschen -, diese asiatischen Völker werden von den Westeuropäern so betrachtet, sagt er, als ob sie nur bloß dazu da wären,"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p130","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p130","passage_number":130,"word_count":29,"text":"> «sich in englische Gewebe zu kleiden, untereinander mit englischen Waffen zu kämpfen, mit englischen Werkzeugen zu arbeiten, aus englischen Gefäßen zu essen und mit englischem Flitter zu spielen.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p131","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p131","passage_number":131,"word_count":20,"text":"Und dann sagt Jushakow weiter, zusammenfassend das, was ihm als ein großes, panasiatisches Ideal erscheint, also das zusammenfassend, sagt er:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p132","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p132","passage_number":132,"word_count":51,"text":"> «England beuter Millionen von Hindus aus, seine ganze Existenz aber hängt von dem Gehorsam der verschiedenen Völker ab, von denen die reiche Halbinsel bewohnt wird; ich wünsche meinem Vaterlande nichts Ähnliches - ich kann mich nur freuen, dass es von diesem so glänzenden wie traurigen Zustand hinlänglich weit entfernt ist.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p133","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p133","passage_number":133,"word_count":110,"text":"Ich wünsche meinem Vaterland nichts Ähnliches, so sagt er 1885, Jushakow, ein tonangebender Russe - über England! Man wird wohl auf diesem Wege jene sonderbare weltgeschichtliche Konsequenz — das Schmieden des Bündnisses zwischen Russland und England - zu suchen haben! Denn zunächst wurde ja wenig bemerkt von der Strömung, von der Mission nach Asien hinüber, die unter dem Einfluss der Bauern und Kosaken hätte zustande kommen sollen. Zunächst ist ja nur zu bemerken, dass sich Russland mit England und Frankreich, welch letztere damit die europäische Kultur in Wirklichkeit verraten haben, verbunden hat! Verbunden hat, nun, um das abgelebte, greisenhafte Europäertum mit Stumpf und Stiel auszurotten, wenigstens sagte man es so."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p134","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p134","passage_number":134,"word_count":119,"text":"Sehr verehrte Anwesende, es ist schon nötig, dass man — wie gesagt, ohne in den Ton zu verfallen, der angeschlagen wird um uns herum, und derjenige, der diesen Ton ein bisschen kennt, der weiß, dass der heute angeschlagene Ton nicht in den Ton der Engländer, Franzosen, Russen verfallen ist, ohne in diesen Ton, der rings um uns herum angeschlagen wird, heute zu verfallen - rein bei den Tatsachen stehen bleibend, aufmerksam machen kann auf dasjenige, was innerhalb des deutschen Geisteslebens steckt zur Selbstbesinnung. Da ist es ja doch [so, dass das - was in Geistern wie Troxler, Planck, Preuss und so weiter lebte und in den anderen —, was Keim war, auch als Blüte und als Frucht aufgehen wird]!"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p135","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p135","passage_number":135,"word_count":133,"text":"Allerdings durch diesen heute noch verklungenen Ton des deutschen Geisteslebens, sehr verehrte Anwesende, wird einem eines heraufkommen müssen: Das ist, ein Verständnis dafür, wie geistige Betrachter der Welt nicht jenes Unpraktische sind, als das man sie bei den ganz gescheiten Leuten - und namentlich bei den ganz praktischen Leuten - sehr häufig hinstellt. Denn das ist ja nun doch, nicht wahr, der allgemeine Ton, dass man denkt: Nun ja, solche Leute, wie Planck, wie Troxler oder wie Preuss und so weiter, mögen ganz nette Gedanken haben - aber vom praktischen Leben haben sie doch keine Spur. Da müssen die praktischen Leute hin, jene praktischen Leute, welche nach ihrer eigenen Meinung wie mit dem Löffel gegessen haben dasjenige, was praktischer Einblick in das praktische Leben ist. Denn das andere das sind jene unpraktischen Idealisten!"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p136","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p136","passage_number":136,"word_count":242,"text":"Nun ja, aber ich könnte Ihnen auch in Bezug auf die Widerlegung dieses Satzes wahrhaftig Hunderte und Hunderte von Beispielen anführen. Es sei nur Karl Christian Planck - dieser einer der deutschesten der Deutschen -, Karl Christian Planck selber angegeben: 1880 ist er gestorben in Bitternis. Und die Stumpflinge werden gewiss sagen: Aus dem Letzten, was er geschrieben hat, spricht manchmal etwas wie Größenwahnsinn heraus - nachdem ihn die Zeit selber zu einer gewissen Nervosität getrieben hatte, weil er mit dem, wovon ihm das Herz voll war, so gar nicht bei seinen Zeitgenossen ankommen konnte. Die Stumpflinge werden sagen sogar: Größenwahnsinnig ist er geworden. Aber: 1880 ist er gestorben, 1881 war schon sein «Testament eines Deutschen» gedruckt. Darinnen standen Worte, die ich Ihnen jetzt vorlesen will. 1880 waren sie also schon geschrieben. Planck - über den ganz gewiss recht praktische Diplomaten, Politiker und solche Leute, die alles vom praktischen Leben wissen, gering urteilen werden -, Christian Karl Planck sprach von dem gegenwärtigen Kriege, von diesem Krieg, in dem wir jetzt stehen. Die folgenden Worte sprach er - 1880 waren sie schon geschrieben, diese Worte des «unpraktischen Idealisten», der aber ein sehr praktischer Denker war, und den man wohl hätte hinstellen sollen gerade auf einen praktischen Posten, weil jene Kraft, die im Geistesleben webt, auch das praktische Leben richtig zu beurteilen weiß. Dieser «unpraktische» Planck, der schrieb 1880 über den gegenwärtigen Krieg, von dem er wusste, dass er kommen werde, die Worte nieder:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p137","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p137","passage_number":137,"word_count":132,"text":"> «Keine politische Klugheit, keine Friedensliebe vonseiten Deutschlands vermag innerhalb der jetzigen bloß nationalen Ordnung diesen feindlichen Zusammenstoß zu verhindern. Denn mächtiger als alle Klugheit ist die Natur der Verhältnisse; und schon jetzt tritt ungeachtet der befreundeten Haltung Deutschlands und Österreichs die feindliche Stimmung des russischen Ostens nur umso deutlicher hervor, deshalb, weil man ihm nicht in allem die freie Hand lassen konnte, sondern notwendig ein bestimmtes Ziel setzen musste. Und kommt es dann einst zum Kampfe, so wird derselbe, so sehr wir ihn auch zum Besten Europas auszufechten haben, dieses doch nicht an unserer Seite finden, sondern wie im Osten, so werden wir zugleich auch im Westen und im Süden uns verteidigen müssen; nach allen Seiten wird die feindlich nationale Eifersucht sich gegen das neue, in ihre Mitte gesetzte Reich erheben.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p138","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p138","passage_number":138,"word_count":94,"text":"Ich frage Sie, wie viele Diplomaten haben - man kann da wie mit Fingern auf sie zeigen - viel später, ja, recht viel später geglaubt, Italien werde sich vielleicht noch abhalten lassen, sich am Kriege zu beteiligen. Ich will nur auf den einen Punkt hinweisen. — Das sind aber die «praktischen» Leute, die haben die Praxis mit den Löffeln gegessen. Aber der unpraktische Christian Karl Planck, der charakterisiert 1880 dasjenige, was 1914, 1915 und so weiter geschicht, so, dass dasjenige, was er ausspricht dazumal, ganz genau wieder erschienen ist in den wirklichen, realen Tatsachen!"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p139","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p139","passage_number":139,"word_count":41,"text":"Oh, man sollte hinhören, was so ein, aus der wirklichen Tiefe des deutschen Wesens heraus schaffender Geistesmensch zu schaffen in der Lage wäre, wenn sich dieses deutsche Wesen einmal voll bewusst auf seine eigenen Füße - sinnbildlich gesprochen - stellen wird."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p140","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p140","passage_number":140,"word_count":94,"text":"Dazu aber muss der gegenwärtig wichtige, weltgeschichtliche Augenblick das Merkzeichen liefern. Denn auch das wird einstmals das deutsche Wesen für die Welt lösen, dass aus diesem deutschen Wesen heraus eingesehen werden muss, was es bedeutet, dass so vielfach in der Welt die Macht - die so viel berechtigtes Streben niederdrückende Macht der Unfähigen - eigentlich das Herrschende ist! Gerade auf diesem Gebiete wird deutsches Wesen gesundend wirken müssen. Das darf man schon - ohne in irgendeiner Weise national schmeicheln zu wollen - in der der heutigen, schicksaltragenden Zeit hervorheben aus den Tatsachen selber heraus."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p141","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p141","passage_number":141,"word_count":483,"text":"Zum Schlusse lassen Sie uns, sehr verehrte Anwesende, darauf hinweisen, wie diejenigen, die darinnenstanden in diesem deutschen Wesen, die es mit ihrer ganzen Seele, mit ihrem ganzen Herzen zu erfassen wissen, wie die immer erlebten das, was sich jetzt vollzogen hat. Ich darf, da ich fast dreißig Jahre meines Lebens in Österreich verbracht habe und die letzten Zeiten gerade damals am Ende dieser dreißig Jahre innerhalb der Kämpfe, die dort gerade das Deutschtum zu führen hatte, mitzuführen hatte, [da ich in diesen letzten Zeiten] mitten darinnen stand in diesen Schwierigkeiten des deutschen Wesens, ich darf darauf aufmerksam machen, wie naturgemäß es lebte in einem solche Geiste wie Robert Hamerling, einem der deutschesten Geister Österreichs, einem der besten Geister Mitteleuropas überhaupt, wie er aussprach das, was in ihm lebte, so schön: «Österreich ist mein Vaterland; Deutschland ist mein Mutterland!» In diesen Worten liegt die lebendige Empfindung für dasjenige Geistige, was aus Notwendigkeiten dieses Mitteleuropa — Deutschland und Österreich - in der jetzigen schweren Zeit zusammengeschmiedet hat. Aber solche Geister, wie gerade Robert Hamerling, sie wussten eine solche Sache in ihrer Tiefe, in ihrer ganzen Tiefe nicht nur zu fassen, sondern zu erleben, sehr verehrte Anwesende. Das tritt einem so ganz besonders hervor, wenn man Robert Hamerling anschaut - nicht selbstverständlich in dem Gedicht, das verteilt worden ist, und auf das so viele hereingefallen sind, sogar recht gescheite Leute sind hereingefallen, es ist selbstverständlich eine Fälschung, das Gedicht, das prophetische, das jetzt so vielfach durch die Zeitungen gegangen ist - also ich meine selbstverständlich nicht so etwas! Wer Robert Hamerling nur ein klein wenig kennt, der merkt gleich an den ersten Zeilen, dass es sich um eine Fälschung handelt. Aber man hat ja bei Robert Hamerling genügend Anhaltspunkte, zu sehen, wie in ihm lebte dieses Mitteleuropa! 1862 schrieb er seinen «Germanenzug». Heben wir den «Germanenzug» heraus aus vielem. 1862 schrieb er in seinem «Germanenzug», wie die Vorfahren der Deutschen unter den Germanen herüberzogen von Asien - das wird uns in einer wunderbaren Stimmung geschildert, wie sie da lagern - Abendstimmung ist es —, wie sie da lagern noch in Asien drüben; es ist eine wunderschöne Abendstimmung: untergehende Sonne, aufgehender Mond, das herüberziehende Volk der Teutonen schläft. Es wacht nur einer: Der blonde Teut. Und über ihm erscheint der Genius der künftigen Deutschen und spricht mit ihm. Und dasjenige, was man so recht als einen Grundzug des deutschen Erkenntnisstrebens anführen muss - der Genius spricht mit ihm, mit dem blonden Teut von dieser deutschen Zukunft -, lässt Robert Hamerling aussprechen durch den Genius des Deutschtums an den blonden Teut. Ich möchte sagen: So schön tritt ja das, was ein deutscher Grundzug ist, ja schon bei dem «Philosophus teutonicus», bei Jakob Böhme hervor, wo dieser Jakob Böhme alle Erkenntnis so ansieht, dass diese Erkenntnis, insofern sie aus dem deutschen Gemüt als Erkenntnis kommt, zu gleicher Zeit eine Art von Gottesdienst ist. Da sagt Jakob Böhme so schön:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p142","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p142","passage_number":142,"word_count":5,"text":"> «Wenn du die Tiefe»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p143","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p143","passage_number":143,"word_count":7,"text":"er meint die Tiefe des blauen Himmels"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p144","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p144","passage_number":144,"word_count":62,"text":"> «des Himmels und die Sterne und die Erde ansiehest, so siehest du deinen Gott, und in demselben lebest und bist du auch. Und derselbige Gott regiert durch dich und regiert auch dich.» «Du bist aus diesem Gott geschaffen und lebest in demselben. Auch stehet alle deine Wissenschaft in diesem Gott, und wenn du stirbest, so wirst du in diesem Gott begraben.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p145","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p145","passage_number":145,"word_count":22,"text":"Diese Stimmung, sie lebte auch in Robert Hamerling, als er den Genius des deutschen Wesens zu dem blonden Teut damals sprechen ließ:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p146","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p146","passage_number":146,"word_count":105,"text":"> «Wem bricht dereinst das Wort aus Seelentiefen  \n> Wie deinem Volk, so reich, so zart, so mächtig?  \n> Wer haucht so weihevoll in Saitenklänge  \n> Sein Innerstes? Wem zich’n den Sinn so prächtig  \n> Ins Himmelsblau granit'ne Hieroglyphen  \n> Des Seelenaufschwungs aus des Lebens Enge?  \n> Wer knüpft zuletzt die Stränge  \n> Des forschenden Gedankens an die Sterne  \n> So kühn und strebt und kämpft auf allen Bahnen?  \n> Wen führt so hoch, so tief sein Drang, sein Ahnen?  \n> Wer fasst so treu das Nahe wie das Ferne?  \n> Wo spiegelt jede Erd- und Himmelszone  \n> Sich wie in deinem Denken, O Teutone?»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p147","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p147","passage_number":147,"word_count":18,"text":"Dieses deutschen Wesens Sendung - vor Robert Hamerling stand sie schon gerade damals, als er seinen «Germanenzug» schrieb."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p148","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p148","passage_number":148,"word_count":162,"text":"Um so recht die ganze weltgeschichtliche, die umfassend weltgeschichtliche Bedeutung dieses deutschen Wesens einzusehen - man kann wirklich in anderer Weise, als es Jushakow getan hat, hinüberblicken nach Asien: Da sieht man diese asiatischen Völker, wie sie einstmals in Urzeiten hinaufgestrebt haben zu den geistigen Welten. Aus Indien holten sie es; sie haben es getan, indem sie alles dasjenige, was das Ich des Menschen begründet, den Mittelpunkt des Menschen ausmacht, in eine Art von Traumleben versenkt, herabgedämpft. Und indem sie das Ich hinuntergedämmt haben, haben sie etwas wie in einem Traumleben aufgehend gemacht in sich, das sie einführte in das die ganze Welt durchwebende und durchlebende Geistige. Diese Welt kann und darf nicht mehr auferstehen, so wie sie geblieben ist, als ein Zeuge desjenigen, was aus alten Zeiten geblieben ist, drüben in Asien; denn nachdem der größte Impuls, den die Erdenmenschheit erleben konnte, der Christus-Impuls, hereingebrochen ist in die Entwicklung der Erdenmenschheit, musste ein anderes eintreten, als diese einstmalige Erhebung zur Geisteswelt."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p149","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p149","passage_number":149,"word_count":128,"text":"Und dieses Andere - mit derselben Innerlichkeit, tiefen Innerlichkeit, mit der einstmals im alten Morgenlande der Geist erlebt werden sollte, mit derselben Innerlichkeit soll er wieder erlebt werden durch dieses Andere; aber dieses Andere soll in der genau entgegengesetzten Weise sich entwickeln: Das Ich soll nicht herabgelähmt, es soll erstarkt, es soll erkraftet werden - gerade dadurch, dass es sich erhebt, dass es sich so voll auslebt, wollen Fichte, Schelling und Hegel, wollen die anderen Geister, die gerade in der Tiefe des deutschen Geisteslebens wurzeln, in die geistige Welt hinaufdringen: Und so soll dieses deutsche Wesen eben dasjenige, was der Orient einmal an tiefer Innerlichkeit in vorchristlichen Zeiten gegeben hat, in neuer Weise soll es das deutsche Wesen geben, wie es in der nachchristlichen Zeit gegeben werden muss."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p150","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p150","passage_number":150,"word_count":76,"text":"Das auch stand schon vor Robert Hamerling, als er den Genius der Deutschen zu dem blonden Teut, dem Führenden der Germanen, in seinem «Germanenzug» sprechen ließ. Da macht Robert Hamerling aufmerksam ja, wie wirklich alles Erkennen sein soll bei dem Deutschen eine Art von Gottesdienst, wie der Deutsche mit seinem Wesen sich so erkennen will, dass er sich weiß geboren aus den göttlich-geistigen Mächten, lebend in den göttlich-geistigen Mächten, wieder begraben werdend mit den göttlich-geistigen Mächten."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p151","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p151","passage_number":151,"word_count":17,"text":"Deshalb lässt Robert Hamerling den Genius des Deutschtums zu dem blonden Teut auch diese schönen Worte sprechen:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p152","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p152","passage_number":152,"word_count":93,"text":"> «Doch wie auch stolz du aufstrebst, and’re Schwärme  \n> Hoch überschwebend, stets noch eine Lohe  \n> Wirst du bewahren, uralt heil’gen Brandes:  \n> Fortleben wird in dir die traumesfrohe  \n> Gotttrunkenheit, die seel’ge Herzenswärme  \n> Des alten asia’schen Heimatlandes.  \n> Geruhigen Bestandes  \n> Wird dieser heil’ge Strahl, ein Tempelfeuer  \n> Der Menschheit, frei von Rauch, mit reiner Flamme  \n> Fortglüh’n in deiner Brust und Seelenamme  \n> Dir bleiben und Pilote deinem Steuer!  \n> Du strebst nur, weil du liebst: dein kühnstes Denken  \n> Wird Andacht sein, die sich in Gott will senken.»"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p153","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p153","passage_number":153,"word_count":56,"text":"So der, der sich als mitteleuropäischer Deutscher in dem Geistesleben Mitteleuropas drinnen fühlt, das ich versucht habe heute zu charakterisieren auch in einem seiner verklungenen Töne, in einer seiner vergessenen Geistesströmungen, aber gerade in der Geistesströmung, die zeigt, welche Keime, welche Wurzeln eines Strebens nach dem realen, nach dem wirklichen Geiste im deutschen Geistesleben verankert ist."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p154","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p154","passage_number":154,"word_count":86,"text":"Die Einsicht, dass es so ist, sie wird dem, der deutsches Wesen in sich erkennt und erfühlt, immerdar die berechtigte Überzeugung geben: Was auch aufsteht von den 68 Millionen Quadratkilometern rings herum gegen das, was auf den 6 Millionen Quadratkilometern lebt, was solche Wurzeln, solche Keime hat, das wird gegen alle Feinde seine Blüten in der Weise tragen, und seine Früchte, wie sie in ihm veranlagt sind! Diese Hoffnung, diese Zuversicht und auch diese Liebe zum deutschen Wesen, die hat gerade der Erkennende dieses deutschen Wesens."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p155","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p155","passage_number":155,"word_count":51,"text":"Damit lassen Sie mich zusammenfassen in vier einfache Zeilen wiederum Robert Hamerlings, nachdem ich Ihnen zu charakterisieren versucht habe einen solchen mitteleuropäischen Geist, zusammenfassen dasjenige, was gerade aus einer objektiven Betrachtung des deutschen Wesens und Versenkung in dieses deutsche Wesen heute gegenüber unseren schweren, schicksaltragenden Ereignissen in der Seele aufgehen kann."},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p156","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p156","passage_number":156,"word_count":41,"text":"Ich glaube, diese vier einfachen Zeilen, mit denen ich die heutige Betrachtung abschließen will, diese vier einfachen Zeilen Robert Hamerlings, die besagen, dass das wahr ist, dass nicht bloß aus nationaler Überhitzung heraus, sondern aus objektiver Erkenntnis heraus gesagt werden darf:"},{"locus":"GA 70b/1916-03-17/p157","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/70b/1916-03-17/p157","passage_number":157,"word_count":26,"text":"> «Und wenn je dem deutschen Namen  \n> Feindlich sich der Tag erweist,  \n> Finden wird von Meer zu Meere  \n> Seine Bahn der deutsche Geist.»"}]}