16. Zur Deutschen Gedankenentwicklung. Ein Vergessenes Streben Nach Geisteswissenschaft Innerhalb Derselben
Und zwei Jahre später, den neunjährigen Knaben Fichte, wir betrachten ihn zum Beispiel in Folgendem: Da hatte sich der Gutsnachbar aufgemacht - der später der Wohltäter Johann Gottlieb Fichtes geworden ist -, um die Predigt in dem Heimatort Johann Gottlieb Fichtes an einem Sonntag zu hören; aber dieser Gutsherr aus der Nachbarschaft war zu spät gekommen. Die Predigt war schon vorbei. Der Gutsnachbar war etwas traurig; er hätte die Predigt gern gehört. Und während man so sprach, verfiel man darauf, dass ein Knabe da lebte, der die Predigten so anzuhören versteht, obzwar er erst neun Jahre alt ist, dass er sie ganz treu zu wiederholen vermag. Man holt den jungen Johann Gottlieb Fichte; er trat auf in seinem blauen Bauernkittel, zuerst recht linkisch sich gebarend, dann ins Feuer kommend: die ganze Predigt wiederholend; aber nicht so sie wiederholend, dass er sie abraspelte ohne inneren Anteil, sondern so, dass man sah - und das wirkte, wie gesagt, so tief bedeutsam, dass der Gutsnachbar später der Wohltäter von Johann Gottlieb Fichte wurde -, sodass man sah: Diese ganze Knabenseele war verwoben mit jedem Worte, und mit dem, was in jedem Worte lebte, und konnte neu erweckt die ganze Predigt geben wie das eigene geistige Eigentum!
Cite:
GA 70b/1916-03-17/p019 · edition original